Mittwoch, 28. Juni 2017 - 22:55 Uhr | Anmelden

Anzeige

Bergbausanierer steigen zum Exportschlager auf

11. September 2015 | Von | Kategorie: Senftenberg & Seenland | | Teilen

150912kohle

Gemeinsames Singen des Steigerliedes mit dem Orchester Lausitzer Braunkohle unter der künstlerischen Leitung von Matthew Lynch

Seit genau 20 Jahren besteht die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbh:
Senftenberg (trz). Was hat die weltberühmte ägyptische Cheops-Pyramide mit den Bergbausanierern der LMBV gemeinsam? Auf den ersten Blick recht wenig, auf den zweiten eine ganze Menge. Umfasst das prunkvolle Pharaonengrab ein Volumen von rund 2,5 Millionen Kubikmetern, hat die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH in den 20 Jahren ihres Bestehens bereits Erdmassen von 1,7 Milliarden Kubikmeter bewegt. Das heißt also eine Menge, die dem Inhalt der Pyramide rund 680 Mal entsprechen würde. Demnach besitzt quasi fast jeder der rund 670 LMBV-Mitarbeiter seine eigene Cheops-Pyramide.
Anderes Beispiel: 3,5 Milliarden Kubikmeter Wasser haben die Bergbausanierer bislang zur Flutung alter Tagebaue genutzt. Diese Massen würden komplett Berlin mit einem sage und schreibe vier Meter tiefen See bedecken. Darüber hinaus haben die tüchtigen Bergleute seit 1995 knapp 530 Kilometer gewachsene Böschungen saniert, eine Strecke, die der Distanz von Senftenberg nach Frankfurt (Main) entspricht. Hinzu kommen 671 Kilometer gekippte Böschungen; so weit ist es vom Lausitzer Seenland bis nach Tirol. Zudem wurden alte Industrieanlagen und ähnliches demontiert, insgesamt 6,6 Millionen Tonnen. 125 Mal so viel, wie einst die Titanic wog.
Kohle und Kali
Zahlen, die Respekt wecken. Zu Recht. Denn die LMBV führt nicht nur das Zepter auf der mit Abstand größten Landschaftsbaustelle Europas, dem Lausitzer Seenland, sondern ebenso bei der Wiederherstellung nutzbarer Landstriche im mitteldeutschen Revier um Leipzig/Halle sowie im ehemaligen Kaliabbau-
gebiet von Sondershausen. Und Sanierung heißt gleichzeitig ­Strukturwandel. Anders gesagt: die Transformation früherer Bergbaugegenden in fachmännisch wiederhergestellte neue Landschaften, die vielseitig nutzbar sind. Flaggschiffe sind natürlich die künstlichen Gewässer. Allein die 51 größten in den vier Bundesländern Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, in denen die LMBV tätig ist, nehmen eine Gesamtfläche von rund 25 000 Hektar ein. Die Müritz, Deutschlands größter Binnensee, würde locker zweimal hineinpassen.
Die Bergbausanierer hatten und haben kaum Vorbilder. Sie entwerfen, probieren, studieren, verwerfen oder melden Patente an.
Wissen ist gefragt
Oftmals bewegen sich die Experten gänzlich auf Neuland. Kein Wunder, dass das so angeeignete Wissen mittlerweile weit über die Grenzen Ostdeutschlands hinaus gefragt ist. Besonders die Bergbaugegenden Osteuropas nehmen sich an der LMBV ein Beispiel. Inzwischen haben sich die Innovationen selbst bis nach Vietnam herumgesprochen. Die Ideen der deutschen Sanierer als begehrter Exportschlager also.
Wissenstransfer in Reinform.
Dass dieser Prozess Zeit und Geld kostet, versteht sich von selbst. Nach Angaben des Unternehmens wurden bislang Leistungen im Wert von rund zehn Milliarden Euro erbracht. „Leistungen, die eine gute Investition in die Zukunft sind und eine Chance für eine gute nachbergbauliche Entwicklung bieten“, wie es LMBV-Geschäftsführer Klaus Zschiedrich formuliert. Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke gibt zu, dass er in den 1990er-Jahren als Mitglied des Braunkohlenausschusses selbst nicht an die Pläne für das Lausitzer Seenland geglaubt habe. „Und heute sehen wir die Ergebnisse mit eigenen Augen“, so der Landeschef. Woidkes Amtskollege Stanislaw Tillich aus Sachsen bezeichnet den bergbaubedingten Landschaftswandel als eine „großartige Erfahrung“. Er fordert die LMBV auf, noch stärker als bisher das durch die praktische Sanierungstätigkeit erworbene Wissen anderen Bergbaugebieten zur Verfügung zu stellen.
Doch längst lief in den 20 Jahren der Sanierer nicht alles glatt. Mit Entsetzen denken die Bergleute noch heute an das verheerende Unglück vom Sommer 2009 am Concordia-See in Nachterstedt (Sachsen-Anhalt) zurück. Dort waren Teile einer Siedlung in das geflutete Restloch gerutscht, drei Menschen kamen zu Tode. Da tröstet es wenig, dass unabhängige Experten herausfanden, dass es von Seiten der Bergbausanierer keine ursachenrelevanten Versäumnisse gab. Ebenso in Erinnerung geblieben sind die gewaltigen Grundbrüche der Jahre 2010/2011 im Lausitzer Nordraum bei Lübbenau, in Spreetal sowie bei Lohsa. Tausende Hektar Kippenland wurden anschließend vorsorglich abgesperrt.
Drei Standorte
Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH wurde am 1. September 1995 ins Leben gerufen. Das Unternehmen ging aus der Fusion der Lausitzer Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LBV) und der Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (MBV) hervor. Drei Geschäftsfelder werden verfolgt, und zwar der auslaufende Bergbau, die Bergbausanierung sowie das Flächenmanagement. Standen anfangs knapp 6 900 Menschen bei der LMBV in Lohn und Brot, sind es heute noch rund 670 an den drei Standorten Senftenberg, Leipzig und Sondershausen.
Da inzwischen die bergmännische Grundsanierung zu fast 90 Prozent abgeschlossen ist, warten in den kommenden Jahren weitere Aufgaben. Beispielsweise das Entgegenwirken der Ver­ockerung von Gewässern wie der Spree. Laut Klaus Zschiedrich konnte dank eines Zehn-Punkte-Programms das Eindringen von Eisenwasser in den inneren Spreewald verhindert werden. Langfristig solle es auch gelingen, die Spree in Ostsachsen sowie im Spremberger Raum wieder zu einem Fluss voller Leben zu verwandeln.


| Teilen |

Anzeige

Schreibe einen Kommentar


Das könnte Sie auch interessieren