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Wo Regen nichts ist als Niederschlag

3. März 2017 | Von | Kategorie: Cottbus | | Teilen

5. Philharmonisches Konzert: Poesie prallt auf Pragmatik – berührender  erster Teil des Brandenburgischen Doppelkonzerts unter GMD Evan Christ

Cottbus. Flucht und Vertreibung, Emigration und Asyl – Begriffe täglicher Nachrichtensprache erreichten im 5. Philharmonischen Konzert am vergangenen Wochenende eine andere, eine tief verbindende poetische Dimension. Ganz anders als täglich gemeldet, liegen sich Orient und Okzident nahe. Wir wissen es aus Pücklers Schriften, aus Goethes  Antwort auf den „Diwan“ von Hafis und aus eigenem Erleben in persischen und altsyrischen Regionen.

Komponist Bernd Franke, der deutschen Medien nicht traut und deshalb französische Quellen nutzt, um Syrien zu verstehen, hat die göttlichen Texte des Damaszeners Adel Karasholi vertont. Im Konzert kommt der seit mehr als einem halben Jahrhundert in Leipzig lebende Dichter selbst zu Wort. Zum großen Orchester stellen sich  ganz zart und verträumt  Cham Soloum, zum Oud (orientalische Kurzhalslaute) arabisch singend, und die Perkussionistin Nora Thiele mit ihrer leise schmeichelnden Rahmentrommel in Kontrast. Sie  nehmen den Hörer in den beiden Sätzen „Erinnerung“ mit in ihre Tonbilder der syrischen Landschaft. Andreas Jäpel singt kraftvoll-klagend in zwei Sätzen und dem Epilog Lieder von Karasholi/Franke: zunächst von der Entwurzelung und dann von der nicht weniger dramatischen Verwurzelung. „Daheim in der Fremde“ steht über dem Werk, und was dies bedeutet, vermag in schönen und auch schmerzlichen Bildern der 80järige Dichter mit dunkler Stimme und sparsamer Gestik vorzutragen. Er, der zwischen Hölle und Hölle unterwegs war, „mitgenommen an den Schuhsohlen der Kindheit enge Gassen“, er beschwört im zweiten Satz dieser schönen Musik sein Land der Märchen: „Der Baum ist eine Fee, die Wolke ist der Prinz, der Regen ist die Hochzeit der Natur.“ Und er gerät aus „dem Land des tausendundeinen Elends… in die großen Städte der Hochkonjunktur.“ Im Alltag aus Gleichgültigkeit und Verboten steht er ernüchtert da, „wo Baum nur Baum ist und der Regen nichts als Niederschlag.“ Daheim wie in der Fremde bleibt der Dichter, bleiben Menschen auf der Suche nach dem „Licht der Liebe“.
Dieses Licht der Liebe, es erhellte einen halben Konzertabend das schöne Theaterhaus, und es brauste ein Beifall, der nicht enden wollte. Nie zuvor hat eine Uraufführung in dieser Reihe viel, viel stärkeren Beifall erlebt, als das „klassische“ Stück. Jeder bleibt nun gespannt auf den zweiten Teil des „Brandenburgischen Doppelkonzerts“, eine Uraufführung vom Chefdirigenten selbst. „Brandenburg Double Concertino for Oud, Soprano and Orchestra“ wird es heißen – im Juni ‘17.
Der zweite Teil  des 5. Konzerts enttäuschte. Der Franzose Olivier Messiaen (1908-1992) lässt seine „Streiflichter über das Jenseits“ elf Sätze lang trotz enormen Instrumentenaufgebots (elf Flöten, elf Klarinetten, eine ganze Bühnenbreite voller Schlagwerk)  elf (!) Sätze lang vor sich hin sterben. Die Ansätze holpern beim “verklärten Christus“, später kommen die Streicher zu großem, feierlichen Zuge, aber der Weg zum Paradiese vergähnt sich dann. Schade drum. Aber Teil 1 war stark genug für alles zusammen. J.H.


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