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Im Hafen der stolzen Schmuggler

29. September 2017 | Von | Kategorie: Reise | | Teilen

Die malerischen Reste des Klosters aus dem 12. bis 14, Jahrhundert sind erst im 18. Jahrhundert von Reisenden wieder entdeckt worden.
Fotos: J. Heinrich

Wie eine zerzauste Büste steht Schottland auf dem Sockel England. Da wo sie aufsetzt, zur Nordsee hin, dicht über der schottisch-englischen Grenze also, liegt das Städtchen Eymouth. Kreuzfahrtschiffe finden es nicht. Wir ankern vor der Mündung des Eye Water Flusses und tendern in den kleinen Hafen. Der liegt in sonntäglicher Ruhe. Die Zeit scheint sich hier träge dahin zu schleppen. Die typischen Sandsteinhäuser schimmern rötlich-braun.
Wir chartern einen Bus und machen uns pünktlich auf nach England. Die Betonung liegt auf Pünktlichkeit, denn auf die kommt es unbedingt an bei unserem Ziel. Holy Island (Heilige Insel) oder auch Lindisfarne ist eine Gezeiteninsel im äußersten Norden Northumberlands. Zu ihr führt eine Asphaltstraße – aber nur bei Niedrigwasser. Wer die Zeit verpasst, gerät in Gefahr, vom Meer geschluckt zu werden. Große Warnschilder ermahnen, die Tidetabelle zu studieren, auch für den Rückweg. Für Säumige gibt es in der Mitte der Strecke einen Hochsitz, auf den man sich retten kann, um dann einige Stunden zu verweilen, bis das Wasser wieder sinkt.
Trotz Risiko lohnt sich der Trip. Viele Fußgänger und Radfahrer erobern die nur vier Quadratkilometer große Insel, auf der 160 Menschen leben. Sie beobachten das Treiben der stelzigen Lemikolen

Schönes Denkmal für St. Cuthbert, der hier Abt war und mit Wundern bis zum heutigen Tag von sich reden macht

unterwegs. Das Lindsfarne Castle auf dem steilen Hügel, 540 zum Schutz gegen die Schotten errichtet, ist seit einiger Zeit privat bewohnt und nicht mehr zu besichtigen. Auf der Inselmitte bietet sich frühe Geschichte der angelsächsischen Kirche dar. Sie nahm hier ihren Anfang. Zwar stammt, was wir sehen, aus dem 12. bis 14. Jahrhundert – Ruinen eines Benediktinerklosters. Sie sind mit ihren gerippten Säulen und romanischen Bögen eine Augenweide für Liebhaber sauberer Zeugnisse der Architekturgeschichte. Die bedeutsame Besiedlung fing hier aber schon im 7. Jahrhundert an, als der irische Mönch St. Aidan von der Insel Iona in den Inneren Hebryden hier begann, die christliche Botschaft zu verbreiten.
Zu Weltruhm brachte es nach ihm der heilige Cuthbert, der hier als Abt mancherlei Wunder vollbrachte, Rettungen aus Seenot und andere. Man begrub ihn schließlich neben dem Altar der Kirche. Elf Jahre später sollte er oberirdisch neben dem Altar in einem Steinsarkophag einen noch ehrenvolleren Platz finden. Man exhumierte ihn und sah erstaunt, dass er nach so langer Zeit völlig unverwest in seinem Grab lag. Ein Wunder! Und noch eins folgte, als man seine Ruhe 1104 erneut störte und bei ihm ein gebundenes Johannesevangelium fand, später bekannt geworden als „Stonyhurst Gospel“. Exakt dieses ist 2011 bei einer Auktion für 15,1 Millionen US-Dollar zugeschlagen worden. Noch ein Wunder nach über 1000 Jahren!
Das Kloster von damals war inzwischen von den Wikingern zerstört worden, aber die Insel, nun mit neuem Kloster, blieb Jahrhunderte im strategischen Blickfeld hier im Grenzgebiet.
Wir ließen den Blick nicht von der Uhr und erreichten ohne Zwischenfall das Festland. Die Grenze zu Schottland, beiderseits der Straße durch im Winde knatternde Fahnen markiert, ist kaum wahrzunehmen. Wir erreichen das verträumte Schmuggler-Städtchen, von wo aus es nicht weit ist bis Alnwick, einem Schloss, in dem Harry-Potter-Filme gedreht wurden. Uns interessieren aber diesmal viel mehr die grünen Hügel und rotbraunen, abenteuerlich steilen Klippen des St. Abbs Naturschutzgebietes, das nur wenig nördlich von Eymouth liegt, also schon wieder tief in schottischem Gebiet. Zu Tausenden tummeln sich hier Seevögel – die pinguinähnlichen Tottellummen, Tordalke, Dreizehenmöwen und Eissturmvögel. Große Kolonien drängen sich an den Gesimsen der zerklüfteten Felsen.
Wir sagen bald Schottland und England adé, queren das Meer und freuen uns auf Norwegen und Bryggen, das alte Bergen


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