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„Onkel Wanja“ – mehr als kein Schauspiel

17. November 2017 | Von | Kategorie: Feuilleton, Top-Themen | | Teilen

Der tote Professor (Thomas Harms) lässt alle erstarren (v.l.n.r.): der völlig unnütze verarmte Telegin (Amadeus Gollner), knieend Landarzt Astrow (Gunnar Golkowski), Gutsverwalter Onkel Wanja (Axel Strothmann), die schöne junge Frau des nicht wirklich toten Professors (Lisa Schützenberger), Onkel Wanjas Nichte Sonja (Lucie Thiede), die ewig singende Königin Mutter (Sigrun Fischer), die stumme Kinderfrau (Michaela Winterstein) und, vom Klavierstuhl aufgesprungen, der dezente Pianist Hans Petith Foto: Marlies Kross

Jo Fabian fügt seiner Tschechow-Inzenierung einen Waschzettel bei. Reicht das schon aus?

Cottbus. Kein „Tatort“ und auch keine Rosamunde Pilcher. Eher so ein Mitternachtsfilm der Dritten Programme, bei dem man zehn Minuten einnickt, ohne etwas verpasst zu haben. Manchmal scheinen hier sogar die Schauspieler einzuschlafen. Dann kommt eine Stimme aus dem Off und hilft mit Regieanweisungen. Das Publikum beginnt sich wieder zu interessieren, die Figuren spannen sich, nur die Ziegen ganz hinten knabbern gleichmäßig und völlig unbeteiligt weiter ihr frisches Heu.
Es ist zunächst so wenig los in diesem Stück, dass dem Publikum nach einer Weile Nichts erst einmal die Situation erklärt werden muss: Die dicken Seile halten die Wand. Keine Angst also – die kippt nicht. So sind die Leute schon zu Mitwissern korrumpiert, denn sie geben feixend einem Zustand ihr Einverständnis, der sie eigentlich veranlassen könnte, ihren Eintritt zurück zu fordern. Zumindest die meisten im Parkett. Denn sie sehen zeitweilig gar nichts. Das Spiel verläuft hinter dieser Wand. Gute Sicht haben nur die Ziegen.
Regisseur Jo Fabian hat sich für sein theatralisches Experiment zusätzlich mit einem „Waschzettel“ rückversichert: Es ist nur Theater, erklärt er; ob das jemand begreift oder nicht, bleibe ohne Folgen. Und wer nichts sieht, kann in der Pause den Platz tauschen. Das hat dann aber nichts mit Frust, sondern mit „Perspektivwechsel“ zu tun. Die besten Plätze finden sich im 2. Rang, Mitte. Optisch gesehen. Akustisch ist es dort dann ganz aus, denn die Wand schluckt natürlich den Schall. Pascale Arndtz’ Bühne ist also witzig, aber bühnenbildnerisch einfach nur Pfusch. Theater sind gebaut, damit Leute hören und sehen können.
Das wollen sie auch (oder besonders) dann, wenn eigentlich gar kein Schauspiel stattfindet, wie in dieser Jo-Fabian-Fassung von Tschechows „Onkel Wanja“. Die legendäre „russische Seele“ entfaltet sich hier schwermütig, reglos ausschweifend und wodkadurchtränkt. Einfach großartig!
Fabian scheint kein Freund hastender Dramen zu sein, sondern eher ein Bildermaler. Das erklärt seinen Cottbuser Einstieg mit „Onkel Wanja“. Auf die Lethargie, die hier im fernen deutschen Osten eigenartige Bohemien züchtet, spielt das nicht in erster Linie an. Der Regisseur verlegt die Geschichte ausdrücklich zu Tschechow ins ferne Russland. Die Schauspieler müssen konsequent deutsch im russischen Akzent sprechen (außer Wanja, der spricht deutsch wie ein Pole). Aber alles ist Theater, nichts verbindlich, und so dröhnt mal ein Flugzeug über die Köpfe, und aus dem Klavier springen Töne jeglicher Musikepoche.
Das träge Geschehen auf dem Gut, das Iwan Petrowitsch Woinizkij (Wanja) und seine Nichte mit redlichem Fleiß bewirtschaften, um die Karriere des Kunstprofessors in Moskau zu finanzieren, erfährt ein leichtes Beben: Der nun emeritierte Prof. stolziert als schütterer Lebemann mit seiner jungen, attraktiven Frau in die Stille. Jelenas beschirmte Lichtgestalt entfesselt erotische Energien nicht nur bei dem Bäuerlein, sondern auch bei dessen Nichte, die enthemmt über den volltrunkenen Landarzt herfällt. Jetzt kippt das Spiel hinüber in ein regelrechtes Slapstick-Festival – man prügelt und jagt sich, der Professor stirbt wie ein austrudelnder Brummkreisel und niemand sinnt mehr, ob das Wetter nun schwul oder schwül sei. Selbst die weißen Ziegen schubsen nun aufgeregt ans Gatter.
Dem Wanja gibt Axel Strothmann die Gelassenheit des Landmannes, die alsbald ins Cholerische umschlägt. Thomas Harms ist der kränkelnde Professor, reduziert auf knappe Gesten und hilflose Ansätze zu unbedeutenden Verlautbarungen. Aus dem grauen Mäuschen Sonja gerät Lucie Thiede im Sog der schwülen (nicht schwulen) Stimmung in Ekstase, die hinüberschwingt in glücklichen Tanz, zu dem sie Lisa Schützenberger, die elegante Dame, in einem kindlich-naiven Glückstaumel mitreißt. Deren großes Couplet (Drafi Deutschers „..es gibt einen, der zu dir hält, dam-dam…“), ins Mikrofon fast nur gehaucht, saugt das Lachen auf und wirf den Vorwurf ins Parkett: Das ist es, was ihr kennt und versteht. Rührend und wie aus dem Jenseits singt Sigrun Fischer als Mütterlein auf einem Steh-Rollstuhl ihr weltliches Halleluja.
Als Freund des Hauses tritt Gunnar Golkowski auf, ein Landarzt, der die Natur retten will, jedoch am Genuss hier üblicher Wodka-Mengen zu Boden geht.
Als Ilja, ein verarmter Gutsher, sitzt Andreas Gollner eigentlich nur rum oder steht Kopf oder tritt aus der Szene, um den Zuschauern, denen die Wand alle Sicht versperrt, zu erklären, wer sich dahinter gerade mit wem unterhält. Mit stummer Entschiedenheit behält Michaela Winterstein als Kinderfrau auch in den Tumulten die Übersicht – eine komödiantische Perle.
Applaus bekommt allein und immer wieder Hans Petith, der am Flügel den Stimmungen im Landhaus folgt, ohne in in der Szene je wahrgenommen zu werden.
Es gab viel Beifall am Schluss der zweiten Vorstellung, aber auch Unzufriedenheit. Akustisch riss phasenweise der Faden, und von der weit in die Tiefe gebauten Bühne konnten nur die Mittelsitze profitieren. Der neue Schauspieldirektor wünscht sich im „Waschzettel“Zugeständnisse der Kunst zuliebe. Wenn das nicht in Zumutungen ausartet, geht das Publkikum sicher gern mit. „Onkel Wanja“ jedenfalls macht Lust auf mehr von dieser Sorte Theater, das am Ende jeder (O-Ton Fabian) „unversehrt und unbehelligt wieder verlassen kann.“ Keinesfalls aber unberührt – in welcher Weise auch immer.
J. Heinrich


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