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„Ein Bürgermeister ist am wenigsten Repräsentationsfigur“

19. Januar 2018 | Von | Kategorie: Cottbus, Personen, Region, Top-Themen | | Teilen

Kolkwitzer Bürgermeister Fritz Handrow verabschiedet sich nach 28 Jahren in den Ruhestand
Dienstältester Rathauschef der Region erklärt im Interview was ein Bürgermeister heute können muss

Beim Neujahrsempfang der Gemeinde Kolkwitz dankte auch der Landrat Harald Altekrüger (l.) dem scheidenden Rathauschef Fritz Handrow für seine Verdienste. Offiziell und öffentlich wird der Bürgermeister am 21. Februar um 14 Uhr im Kolkwitz-Center verabschiedet

Region (mk). In vielen Städten der Lausitz wie Lauchhammer, Guben, Forst oder Drebkau stehen in diesem Jahr Bürgermeisterwahlen an. Im Interview erklärt der dienstälteste Rathauschef der Region, Fritz Handrow aus Kolkwitz, welche Anforderungen an dieses Amt bestehen und zieht zum Abschied eine Bilanz.
Herr Handrow, erinnern Sie sich noch an den Beweggrund Bürgermeister zu werden?
F. Handrow: Es gab keinen. Ich habe für die CDU kandidiert und hatte wohl die drittmeisten Stimmen. Der erfolgreichste (Polier auf dem Bau), der leider im Vorjahr verstorbene Werner Schippan, war absolut nicht zu bewegen, Bürgermeister zu werden. So wurde ich, für mich völlig überraschend, vorgeschlagen. Grund war ein abgeschlossenes Betriebswirtschaft- und Informatikstudium und meine zwölfjährige Tätigkeit als Abteilungsleiter Fußball. Damals ohne Telefon. Ich ging also am 23. Mai 1990 ahnungslos zur CDU-Versammlung für die Kandidatennominierung, habe nachts irgendwann um drei oder vier Uhr meine Zusage gegeben, ohne jegliche familiäre Absprache und war am 24. Mai 1990 um 19 Uhr Bürgermeister.
Haben sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren die Anforderungen an einen Bürgermeister verändert?
Ohne Ahnung im Verwaltungsrecht ist diese Funktion in kleinen Verwaltungen wie wir kaum noch machbar. Ein Bürgermeister ist am wenigsten Repräsentationsfigur sondern zu einhundert Prozent Verwaltungsarbeiter. Widerspruchsbearbeitung, Gegendarstellungen zu abgelehnten Anträgen, die Auseinandersetzungen mit überzogenen Forderungen von oben ohne ausreichende Finanzierung sind unter anderem das tägliche Brot eines Bürgermeisters. Das kommunale Selbstbestimmungsrecht und die kommunale Planungshohheit gehen in Brandenburg leider immer weiter nach unten. Bauwillige werden das oft am eigenen Leib erfahren haben. Die Gemeinde sagt ja. übergeordnete Behörden nein. Fast unverändert geblieben sind Arbeitstage von elf bis zwölf Stunden und 30 bis 40 Veranstaltungswochenenden.
Welche Rolle spielt Erfahrung und warum haben Sie sich immer wieder beworben?
Mir hat die Arbeit Spaß gemacht. Ich hatte immer wieder Ideen, wie ich die 17 Ortsteile und vor allem die hier lebenden Menschen unter einen Hut bekomme. Erfahrungen kommen erst später dazu, sind aber auch nicht das Wichtigste. Viel wichtiger ist das Verwaltungswissen und Rechtswissen das man sich in kürzester Zeit erarbeiten und ständig vertiefen musste. Die ersten Jahre gab es eigentlich kein Wochenende.
Bekommt ein Bürgermeister aus Ihrer Sicht genügend Unterstützung von Land und Bund? Sie erwähnten einmal die Vergütung steht in Relation zum Zeitaufwand in keinem guten Verhältnis?
Wer ist der Meinung, das seine Vergütung gerechtfertigt ist? Ich kenne wohl keinen. Für meine Bemerkung gab es zwei Gründe. Zum einen sind in den vergangenen 20 Jahren die Gehälter der Angestellten prozentual wesentlich schneller gestiegen als die der Beamten und zum anderen spielt der Umfang der Arbeitszeit, die Verantwortung die man trägt und das Ergebnis keine Rolle. Ich kenne Beamte, die den Achtstundentag minutiös erfüllen. Eine Unterstützung eines Bürgermeisters von oben kann man nicht erwarten. Das muss man schon selbst Initiative zeigen.
Sie haben immer sehr ehrliche, kritische und gut verständliche Worte gefunden. Ist das ein Erfolgskonzept gewesen?
Das war mit Sicherheit ein positiver Punkt bei unseren Einwohnern. Nicht so wohlwollend sahen das übergeordnete Behörden. Ganz wichtig war aber auch logisch denkend vorauszuschauen, Vorschläge einzubringen, Kompromisse zu finden, um das Leben und die Entwicklung dieser Gemeinde voranzubringen.
Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Da gibt es eine ganze Menge. Zum einen ist da die Idee mit der Großgemeinde. Alle haben sich gerade verselbstständigt und dann so ­­­­­­­­was. Ein Jahr lang war drei bis viermal pro Woche in den verschiedensten Gremien um Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir waren wohl die ersten in Brandenburg mit diesem Modell. Ich denke es hat sich gelohnt. Zweitens: Die Privatisierung der Wirtschaftsförderung und damit verbunden Verträge mit der Wirtschaftsförderung Wildemann. Von vielen wurde dies abgelehnt und belächelt, weil sicher noch nicht dagewesen. Aber es hat sich gelohnt.Drittens: Zuerst Gewerbegrundstücke zu erschließen, Firmen anzusiedeln gegen Arbeitslosenzahlen aber vor allem um eine solide Wirtschaftsbasis in der Gemeinde für die Zukunft zu haben. Klubs, Begegnungsstätten und Rathäuser kommen viel später. Viertens: Vielleicht mein Lieblingskind – das Kolkwitz-Center mit Aula, Essenraum und allen Außenanlagen. Damals war ich aufgrund der Größe in die Kritik geraten. Heute ist es ausgelastet. Es gibt noch vieles mehr aufzuzählen wie Kitas, Jugendclubs, Feuerwehren, Sportanlagen oder Dorfgemeinschaftshäuser. Das wichtigste aber ist: Eine Gemeinde ist letztlich ein Wirtschaftsunternehmen, wenn das auch viele anders sehen. Und so muss eine Gemeinde auch geführt werden. Unsere Gemeinde hat bis heute einen ausgeglichenen Haushalt. Dabei viele Wünsche, natürlich nicht alle, zu erfüllen, gelingt nur, wenn man nicht mehr Geld ausgibt als man hat. Da hatte ich in meinem Elternhaus eine knallharte Schule.
Welche Entscheidung würden Sie ändern?
Ich hätte mehr Zeit für meine Familie abzwacken sollen. Meine Kinder waren damals 1,4 und 7 Jahre alt und wir standen mitten im Wohnungsumbau. Obwohl, es scheint ja trotzdem gelungen zu sein.
Was hat Sie am meisten geärgert in Ihrer Amtszeit?
Die Schließung der Oberschule mit üblen Tricks und die Ablehnung einer Gesamtschule mit für mich nicht nachvollziehbaren Begründungen. Soll nun der ländliche Raum gestärkt werden oder nicht? Es fehlt eine Schule. Was soll dieses Standortgeplänkel? Warum kann sich eine Partei einer mit Mehrheit getroffenen Kreistagsentscheidung nicht unterordnen? Ist man der Meinung, die Eltern kämpfen hier seit vier Jahren aus Wahlkampfgründen?
Hier findet aus meiner Sicht bösartiges Parteiendenken um Macht und Funktionen statt. Hallo! Begreift endlich dass es hier um Kinder und ihre Bildungsmöglichkeiten geht! Oder gilt für Kolkwitz, Drebkau und Umgebung nicht, was der Ministerpräsident verkündet hat. Liebe Eltern, kämpft weiter. Schwer zu verstehen war auch die Schließung der Klinik in Kolkwitz. Nicht nachvollziehbar, aber für unsere Gemeinde und viele Menschen ein Nackenschlag.
Was macht aus ihrer Sicht die Gemeinde Kolkwitz lebenswert und wo sehen Sie die Zukunft der Gemeinde?
Wer lebenswertes in der Gemeinde erleben will, muss die unzähligen Feste besuchen. Über 70 Vereine, Kirchen und Feuerwehr sorgen für Zusammenhalt, Geselligkeit und Lebensfreude. Die Zukunft sieht aber schon wieder problematisch aus. Nach dem Willen der Landesregierung und dem Scheitern der Kreisreform wird jetzt die Funktionalreform II (Gemeindereform) vorangebracht. Wer 2030 keine prognostizierten 8000 Einwohner hat und das hat in Spree-Neiße außer Forst, Guben und Spremberg keiner, muss sich mit anderen Gemeinden zusammenschließen. Eine Möglichkeit gibt es aber noch: Die interkommunale Zusammenarbeit. Auf einigen Sachgebieten haben wir das mit Drebkau, Neuhausen, Burg und Peitz schon auf die Reihe gebracht. Dafür werde ich auch weiterkämpfen. Mir fehlt hier aber die Einsicht in die Notwendigkeit bei zwei oder drei Gemeinden beziehungsweise Ämtern.
Wenn Sie eine persönliche Bilanz ihrer Amtszeit ziehen müssten, wie fällt die aus?
Eine persönliche Bilanz nach fast 28 Jahren? Positiv, wesentliches und viel, nicht alles erreicht. Lebenswerte, schöne Dörfer, eine hoffentlich zufriedene Einwohnerschaft, lebendige Vereine, eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinde, verschiedenen Institutionen und der Kirche und wirtschaftlich im positiven Bereich – so übergebe ich diese meine Gemeinde meinem Nachfolger.
Was machen Sie im Anschluss?
Ich wünsche mir, dass dieser zunehmende Parteienklüngel im Kampf um Macht und Mandate wieder auf Grundwerte zurückgeführt wird. Mandatsträger sind vom Volk gewählt und sollten dessen Interessen vertreten und nicht nur die ihrer Partei. Was ich im Anschluss mache? Drei Monate
Urlaub und dann werde ich weiter sehen. Eines muss ich an dieser Stelle noch sagen: Ich bedanke mich bei meinen Mitarbeitern und vielen Gemeindevertretern für eine vor allem in den ersten 20 Jahren gute Zusammenarbeit. Aber über all diesem steht meine Familie. Ohne die Akzeptanz und Unterstützung meiner Arbeit durch meine vier Mädels wäre der Job nicht möglich gewesen. Sie haben immer hinter mir gestanden- meine Frau und meine drei Töchter-Danke Mädels!
Lieben Dank für das Gespräch
Es fragte Mathias Klinkmüller


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