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Siedler bangen um ihr Hab und Gut

9. Februar 2018 | Von | Kategorie: Cottbus | | Teilen

Der schöne vorfrühlingshafte Schein trügt:
In der Siedlerstraße in Groß Gaglow und an anderen Adressen des Cottbuser Ortsteils haben seit letztem Jahr erneut Amtsschreiben Bestürzung ausgelöst. Die 1930 bis 1935 von jüdischen Familien bewohnten, jetzt teils im Urzustand erhaltenen Häuser sollen geräumt werden. Wegen offener Vermögensfragen

Ortsvorsteher Dieter Schulz: Verhindern, dass altem Unrecht neues Unrecht folgt.

Cottbus (hnr.) Die langgestreckte Siedlerstraße westlich der Produktionsflächen der weithin bekannten Baumschul-Gärtnerei hat noch immer etwas Malerisches. Zwar sind, seit das Dorf 2003 zu Cottbus eingemeindet wurde, einige Gewerbe- und Wohnbauten neu und für die Lage untypisch entstanden, doch überwiegen noch die auf weite Grundstücke gestreuten Siedlerhäuser, unten in Stein, oben zum ungleichschenkligen Satteldach mit pflegeaufwändigem Holz verkleidet. Die Gärten sind gut bestellt, die Häuser liebevoll erhalten, im Denkmalsinne, so wie es der Gemeinderat nach 1990 gefordert hatte.
Viele Hauseigentümer leben seit Jahrzehnten hier, einer in väterlicher Nachfolge seit 82 Jahren. Er wird diesem Sommer 88. Zum 87. Geburtstag am 29. August 2017 flatterte ihm der grundbuchamtliche Bescheid auf den Tisch: Es gibt jüdische Besitzansprüche von 1935; das Haus ist (voraussichtlich) zu räumen. Ähnliche Post erreichte vor Weihnachten mehrere Nachbarn. Ein Haus, dessen Besitzer gestorben war, wonach die Witwe in die Stadt zog und die Tochter auf das Anwesen verzichtete, wurde jetzt versteigert. Zukunftsangst geht um in einem Stadtteil, den ein Stück unbewältigter Geschichte einholt – mit schreiender Ungerechtigkeit für die hier Betroffenen.
Glückloser Siedlerplan
Hintergrund ist ein Projekt des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten aus dem Jahr 1930. Für jüdische Gründerfamilien, die hier Obstbau betreiben sollten, stellte die aus Berlin agierende jüdische Landarbeitergesellschaft Flächen und Wohnhäuser bereit. Doch alle Hoffnungen zerstoben mit dem „Reichserbhofgesetz“ der Nazis vom September 1933. Erbbauer durfte nur sein, „wer weder jüdisches noch farbiges Blut“ hatte. Bitteres Unrecht geschah; die Nazis enteigneten alles Begonnene. Über die rechtliche Abwicklung allerdings fehlen Unterlagen. 2006 wies das deutsche Gericht drei Rückgabe-Klagen ab, weil keine Grundbuchnachweise vorlagen. Inzwischen betreibt eine Jewish Claims Conference (JCC) die Interessenvertretung der Erben jener einst Betroffenen und forciert ihr Handeln, weil offensichtlich eine Verjährungsfrist naht. Und weil, so der Hauptvorwurf der Groß Gaglower, das Amt für offene Vermögensfragen seit nunmehr 28 Jahren zu keiner Entscheidung gefunden hat. Die Groß Gaglower, die ihre Häuser bezahlt und ihren Besitzanspruch vielfach begründet haben, erwarten, dass sie der Staat gegebenenfalls durch Entschädigung für die jüdischen Menschen vor Ungemach bewahrt.
Sorge und Ärger
Die jahrelang verschleppten Vorgänge erfüllen den Ortsbeirat mit Sorge und Ärger. Vorsitzender Dieter Schulz hat sich jetzt an das Bundesamt für offene Vermögensfragen gewandt und fordert kurzfristig Erklärungen zum Sachstand. Es dürfe nicht altem Unrecht neues Unrecht nachfolgen. „Viele Betroffene sind bereits 70 und 80 Jahre alt, nervlich am Ende und gesundheitlich auf Grund dieser Belastung stark angegriffen. Persönliche Mitschuld an der Enteignung vor fast 83 Jahren sei den heutigen Besitzern, von denen viel die Grundstücke erst in DDR-Zeit erwarben, keinesfalls vorzuwerfen. Dagegen sei mit dem 29. Januar 2018, so Dieter Schulz, der Vorgang in eine neue „heiße Phase“ eingetreten. Dem Vorsitzenden des Interessenvereins der Siedlung ist an diesem Tag der vorläufige Bescheid zur Rückübertragung seines Grundstücks zugestellt worden.
Einwohnerversammlung
Nachdem der Ortsbeirat Mitte Januar mit OB Holger Kelch die Lage gründlich erörtert hat und der OB alle amtliche Unterstützung seines Hauses zusagte, plant der Ortsbeirat für Ende Februar/Anfang März eine Einwohnerversammlung. „wir wollen uns mit allen politischen und rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen“, sagt Schulz. Es gibt viele Unklarheiten in der Siedlerstraße. Auch die,
wie es trotz offensichtlich unklarer Grundbuchlage möglich war, das in der DDR-Zeit und bis in die Gegenwart Grundstücksverkäufe beurkundet wurden.
Der Ortsbeirat hofft auf kooperative Mitarbeit der Ämter. „Wir rechnen mit Sachlichkeit, möchten nicht, dass die Angelegenheit in Protestkundgebungen endet.“


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