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„Entführung aus dem Serail“: Ja, so lässt sich triumphieren

4. März 2016 | Von | Kategorie: Feuilleton |

Anmerkungen zur sehens- und hörenswerten „Entführung aus dem Serail“:
Cottbus. Gefeierte Türken in Wien! Das wird, 100 Jahre nachdem die Donaustadt türkisch besetzt war, Aufsehen erregt haben. Heutzutage verwundert gewiss ein burkaähnlich gekleideter Chor in Cottbus. Fremdelnde Brisanz damals (1782) wie heute. Aber die Botschaft „überall gibt’s gute Menschen“ erreichte mit den herrlichen Noten und erreicht heute in einer Inszenierung voller Leichtigkeit, Humor und Klarheit die Herzen. Niemandem werden die Hälse zugeschnürt, wie Osmin in alter Grausamkeit hoffte. Stattdessen entscheidet sich der herrschende Bassa – die Welt möge ihn hören! – für das Vergnügen, erlittene Schmach durch Wohltaten zu vergelten. So lässt sich wahrlich triumphieren. Ein schöner Ratschlag in unserem sperrigen Alltag.
Aber diese erfolgreichste Oper Mozarts will nicht schulmeistern, sondern als fast operettenhaftes Singspiel erfreuen und köstliche Charaktere vorführen. Rund 20 Gesangsnummern zwischen gesprochenen Dialogen bringen phantastische Stimmen auf diese Cottbuser Bühne. Operndirektor Martin Schüler konnte die schwierigen Partien ideal besetzen. Die musikalische Leitung hat GMD Evan Christ, der die lieblichen Mozartpartien butterweich (oben mit Mondschein illustriert!) schmelzen lässt und mit türkischen Untertönen dann forciert, wenn die Flucht-Spannung steigt.
Gefangen in fremder Kultur sind hier drei Europäer, als Sklaven verkauft, aber doch gut behandelt. Konstanze zaudert noch immer, sich dem neuen Herrn, den sie durchaus mag, hinzugeben, denn ihre Liebe ist Belmonte versprochen. Der spanische Edelmann kommt tatsächlich, die drei zu befreien, doch die Flucht scheitert. Dann der große Schluss: Bassa, dem vom Vater Belmontes großes Unrecht widerfuhr, verzichtet auf Rache.
Schüler hat sich in seiner Inszenierung vollkommen schnörkellos auf Gesang und Spiel der Figuren konzentriert, um diese Charaktere, wie sie in der Opernliteratur selten so plastisch angeboten werden, zum Leben zu erwecken. Die Sprechrolle des Bassa Selim hat er mit dem Schauspieler Sebastian Wirnitzer a.G. besetzt, der Zorn und Güte in sympatischer Unbeholfenheit vereint. Für den Aufseher Osmin, eine Zentralfigur dieses Spiels, die das Beängstigende zu verkörpern hat, entwickelt Ingo Witzke einen schönen Koloratur-Bass und spielt seine Lust zu strangulieren und zu peitschen gierig. Die zierliche Blonde, die er poltrig begehrt, stellt kess Katerina Fridland dar. Ihr Sopran ist hell und rein, ihr emanzipiertes Wesen echt und herzlich. Ihre Herrin, die verzweifelt zwischen Hoffen und Hingeben charchierende Konstanze singt Laila Salome Fischer, die schon in der Titelrolle der Alcina hier als Gast überzeugte. Sie führt ihre Stimme souverän in höchste Lagen und wenn sie klagend die Sehnsucht nach Belmonte und und ihren Treueschwur besingt, spürt der Hörer bewegtes Herzklopfen. Alexander Geller ist dieser so heiß Geliebte, der dies nicht immer gestisch, aber mit wunderbarem lyrischen Sopran doch stimmlich mehr als rechtfertigen kann. Moderator und Beschleuniger der Ereignisse im grauen, auf orientalische Ornamentik weitgehend verzichtenden Serail (Ausstattung Gundula Martin) ist Diener Belmonte. Hardy Brachmann zelebriert einen temporeichen Spieltenor von exzellenter Klarheit.
Dem Chor kommen getrennte Aufgaben zu: die Herrren sind Basarhändler, die Damen gut verhüllte Haremsfrauen. Christian Möbius hat sie einstudiert.
Diese „Enführung“ braucht große Stimmen, wie sie in diesem Falle zur Verfügung stehen. Zuletzt inszenierte Sebastian Baumgarten das Spiel 1998/99 in Cottbus. Endlich ist es wieder da – und wie! Premiere war schon am 30. Januar. Nächste Vorstellung:  24. März. 

 

J. Heinrich




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