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Altes Gebälk und noch viel ältere Findlinge

10. März 2017 | Von | Kategorie: Radeln & Rasten |

Im Spreewald sind die Schatzsucher erfolgreich

Im März 2009 luden wir Sie erstmals zum Radeln & Rasten ein. Auch in dieser Saison steigen wir für Sie in den Sattel und stoppen dort, wo es Sehenswertes gibt. Gern empfehlen wir Ihnen auch die Gastronomie am Wege. Wer nicht radeln will oder kann, mag unsere Ziele gern per Auto oder Bus ansteuern, um Spaziergänge zu unternehmen. Optimal ist manchmal die Kombination: Mit den Rädern auf dem Auto ins Zielgebiet und dann auf Entdeckungstour fahren. Ihnen – so oder so – viel Spaß in der Natur.

Der Spreewald in der Vorsaison – es gibt fast nichts Schöneres in dieser Zeit. Wir brauchen nicht einmal Karten. Einen der vielen möglichen Wege nach Burg (etwa über den Spreedamm oder nach dem Gurkenschild) findet jeder. Autoausflüglern empfehlen wir Werben als erste Station. Gegenüber der dicken Kirche gibt’s Parkplätze am Anger, und dann lädt hier auch gleich Spreewaldkoch Franke in den „Stern“ ein. Das Lokal wird hinter Gerüsten grad aufgehübscht, bleibt aber offen. „Die haben grad einen exzellenten Koch“, schwärmt Spreewaldfisch-Fan Joachim Dieke. Er steckt zurzeit als ehrenamtlicher Bürgermeister im Findlingsrausch. Selbst nachts sieht er Steine, und sonntags sowieso. 30 Tonnen (!) vom eiszeitlichen Geschiebe werden grad am Gutshaus verbaut. Die Baustelle liegt direkt an unserem Radweg, auf dem wir von Ruben her gekommen sind.  „Burg 4 km – Cottbus 12 km“ steht da frisch eingemeißelt. Den riesigen Erklärstein, allein fast drei Tonnen schwer, hat der Ströbitzer Steinmetzobermeister Maik Brunzel beschriftet. „Noch geheim“ ist, was da draufsteht. Aber der Text weist aufs Gutshaus von 1735 hin, in dem noch bis 1972 Baronin von Seydlitz lebte, die ältere Cottbuser wegen ihrer aus der Zeit gefallenen Samtgarderobe mit feschem Barett noch in Erinnerung haben.
Das Gutshaus ist 2012/13 restauriert worden. Jetzt sind Wohnungen drin, Vereinsräume und die Bürgermeisterei. Den Park aus sehr alten und vielen ganz jungen Bäumen wird nun die „Friesenmauer“ einfrieden. „Eine Verlegenheitslösung“, gibt der Bürgermeister zu, „einen angemessenen schmiedeeisernen oder Holzzaun hätten wir nie bezahlen können.“  Die Mauer aus Steinen und Lehm   bauen Ehrenamtler, Joachim Dieke allen voran. Schon jetzt ist sicher: Das wird, zumal wenn dann noch dickblättrige Sukkulenten auf den roten, gelben, blauen und mausgrauen Steinen bunt blühen, eine richtige Sehenswürdigkeit. Die letzten Meter sind noch zu schichten, dann soll noch Strom gelegt werden, damit der künftige Festplatz auch Licht hat.
Wir radeln die gemeißelten vier und ein paar mehr Kilometer Richtung Burg bis zum Bismarckturm. Das 27 Meter hohe Bauwerk (jetzt noch geschlossen) feiert Anfang Dezember 100. Geburtstag. Jenseits der Straße in Richtung Byhleguhre erwartet uns eine neue, uralte Attraktion dieser 2017er Burger Saison: Das Spreewaldhaus der Annemarie Schulz aus dem Jahre1726.
Die Geschichte dieses ältesten verlässlich datierten Burger Bauernhauses ist abenteuerlich, und keiner kennt sie besser als Jens Möbert. Er ist Restaurator in Branitz und hier in seiner Freizeit die Seele einer Spreewald-Tochter der deutschen Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. Das eben  der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Haus stand an ganz anderer Stelle, wurde abgerissen, aber von den Idealisten vorm Entsorgen bewahrt.

Mit Unterstützung von BTU-Studenten, Rückenwind vom damaligen Landrat Dieter Friese, mit Lehrlingen vom Bauhof Großrä-schen und mit vielen anderen „guten Geistern“ konnte das Haus fachgerecht zunächst eingelagert und dann innerhalb von zehn Jahren so aufgebaut werden, wie es jetzt von staunenden Besuchern an Sonntagen inspiziert werden kann. Vom original Kachelofen mit Käfigen für die Stubenküken darunter über die dendrochronisch definierten Balken mit der passenden Jahreszahl darauf, die halbierte „Klöntür“ bis zum im Ganzen erhaltenen und wieder eingefügten Kamin der Schwarzen Küche (natürlich nie mehr zur Funktion zugelassen!) reichen die Wunder dieses wahren Bauernhauses. Jens Möbert rührt in Lehmpampe und fügt grad ein heutiges „Wunder“ hinzu: „Fußbodenheizung“ an der Wand. „Die läuft bei 24 Grad und schafft angenehmes Klima, das dem Menschen und dem Bauwerk wohl tut.“
Den Fachmann, der schon für die Keramikwerkstatt seiner Frau ein  Bauerhaus restauriert hat, treibt ein Anliegen um: Er möchte alten Häusern und deren Besitzern Mut machen. In Burg, einem der größten Flächendörfer Deutschlands, gibt es allein 1000 historische Holzhäuser, die als Wohnung, Stall oder Scheune genutzt werden. „Mancher schämt sich für das alte Haus, möchte ein modernes. Aber das Alte ist kulturhistorisch wertvoll und sehr schön.“ Wer möchte, kann sich hier fachlichen Rat und Motivation holen für die Erhaltung der oft zunächst unscheinbaren Holz/Lehm-Häuser. Grad ist  das Spreewälder Bauernhaus zum „Haus des Jahres 2017“ erklärt worden.
Wir haben viel gelernt hier neben dem Burger Kräutergarten und Peter Frankes Kräutermanufaktur. Wir radeln drei Kilometer Richtung Schmogrow, bestaunen das historische Taubenhaus und die Galerie neben der einstigen Mühle und folgen später über Fehrow und Striesow der am Wochenende kaum befahrenen Straße nach Briesen. Dort treibt die bunte Fastnachtsschar grad ihre feucht-fröhlichen Spiele. Wir genießen’s. Vor uns liegt dann die Wahl: Plinse im Briesener Bahnhof (einst Spreewaldbahn) oder Ziegeneis nur knappe zwei Kilometer weiter im Café Meck in Gulben. Beides ist ganz nachdrücklich zu empfehlen. Wobei das sanft-sahnige Gulbener Eis etwas Einzigartiges darstellt. Und neuerdings gibt’s im Ziegencafé auch  vollwertiges Essen und sogar Angebote für Erlebnis-Gruppenpartys. Wir behalten’s im Hinterkopf und strampeln  der nahen Stadt entgegen.
J. Heinrich



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