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„Stutenställe“ in der Wüste

11. August 2017 | Von | Kategorie: Reise |

Stadttor zur Wüstenstadt Bahawalpuk. Den abendlichen Verkehr dominieren wendige Tuktuks. Wir müssen draußen bleiben; im Altstadtgewusel mag niemand unsere Sicherheit garantieren

Das gestürzte Grab der Bibi Jiwindie / 30 Wachtürme und Zimmer für 113 Nebenfrauen / Edle Marmor-Moschee.

Ferne Erinnerung nur bleiben die kühlen nördlichen Berge. Nach großen Städten nähern wir uns der glutheißen Wüste Thar.
Weizen, Zuckerrohr, Sonnenblumen, Mango und wieder verschärfter Polizeischutz. Multan mit hollän-
dischem Rathaus wird von einem Festungsberg mit Bibliothek, Moscheen und Mausoleen überragt. Allen orientalischen Glanz übertrifft ein oktagonales Thumb (Grab), das für einen König errichtet, dann aber einem Heiligen überlassen wurde, der in der Tradition seines Großvaters als Sufi unterwegs war, und bis heute verehrt wird. Auffallend viele junge Menschen und Familien pilgern bergauf. Wir fallen auf und werden ständig zum gemeinsamen Posieren vor Handys gebeten. Selbst der Prediger der Moschee bittet um ein Foto mit uns.
Abends kaufen wir im Suk landesübliche Konfektion – shalwar-kamiz, also Gewand mit Spiegelstickerei und weiter, weiter Hose. Der Drei-Meter-Hosenbund wird mit einer Kordelschnur eingefangen. Die trockenen 48 Grad kommender Tage lassen sich nun deutlich leichter ertragen.

Am Rande der Thar, nahe dem Fort Darwar, gibt es eine Marmor-Moschee nach dem Vorbild der Großen Moschee von Dehli

An die blauen Koranschulen von Chiwa in Usbekistan erinnert der erste Eindruck von Usch Sharif. Hier handelt es sich um Gräber, das prächtigste für Bibi Juwindie, die Missionarin, 1494 erbaut. Doch das wohlproportionierte blau-gelbe Gemäuer besteht nur zur Hälfte; die andere Seite hat ein Hochwasser – ausgerechnet in der Wüste – mit sich fortgerissen. Restauratoren haben begonnen, Ziegel in alten Formaten zu brennen, Bibis und die anderen Gräber wieder zu errichten. Das kann Jahrzehnte dauern.
Mit welch opferbereiter Konsequenz tiefe Gläubigkeit einherging, zeigt uns der Sufi-Schrein von Cholistan. Der Legende nach setzte ein Vater seinen Sohn in der Wüste aus, damit er, unerreicht vom „falschen“ Glauben, ehrenvoll als Hindu sterbe. Das Kind überlebte wunderbarerweise, wurde Moslim und für diese Religion gar heilig – hier nun seit dem 16. Jahrhundert begraben. Länger schon, als es das riesige Wüsten-Fort Derawar gibt, seit 1733 Sitz einer Fürstenfamilie. Vor ihr beherrschten von hier aus

Ehe wir die Wüste erreichen, haben wir uns um zweckmäßige Kleidung gekümmert

Hindustämme das Geschäft der Karawanen. Die Ablasi-Familie eroberte, aus dem südlichen Sinth kommend, die Burg, baute sie mit 30 gewaltigen Rundtürmen aus. Drinnen ging es edel und durchaus auch frivol zu. Die elegante Stube der Hauptfrau ergänzten nicht ganz so aufwändig gezierte Räume für 113(!) Nebenfrauen, hier respektlos „Stutenställe“ genannt. Gleich neben der Veranda gähnt der Eingang zu einem Fluchttunnel, der angeblich bis nach Bahawalpuk reichen soll. Das wären 40 Kilometer Stollen unter der Wüste.

Etwas abseits im Park wird deutlich, dass dieses Fort, trotz fortschreitenden Verfalls, noch stark in der Gegenwart verhaftet ist – mit Erbstreitigkeiten, aber auch mit aktuellem Besitz. Die Villa, vielleicht um 1900 erbaut, ist verschlossen. Die Ablasi-Familie, deren Vorgänger das „Gestüt“ hielten, hat sich 1955 nach England abgesetzt, wo die Nachfahren noch der gehobenen Gesellschaft angehören.

Wir fahren zurück zur Stadt Bahawalpuk, dürfen aber die Altstadt und den Basar nicht betreten. Wir erinnern uns, dass dies in alter Zeit ein unabhängiges Königreich neben Indien war, wir uns also in einer typischen Residenzstadt befinden mit entsprechenden Repräsentationsbauten. Ein turmbekröntes Palais, natürlich hoch umzäunt und bewacht, erweist sich als Technikum, an anderer Stelle im Park steht in gleichem Baustil ein Museum mit Bibliothek. Ein schöner spätbarocker Turm wird gegen Abend angestrahlt. Die Tür bleibt mit grobem Vorhängeschloss verbarrikadiert. Es ist nicht anzunehmen, dass dahinter ein Lesesaal wäre.
Wir haben unseren Spielraum im Norden und in der Mitte Pakistans ausgeschöpft und ein überaus gastfreundliches, zauberhaftes Land entdeckt. Ein Land, das uns überall friedlich entgegen trat. SCHLUSS



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