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Die resoluten Damen von Fishguard

25. August 2017 | Von | Kategorie: Reise |

Automatisierte Seefahrerromantik. Der Leuchtturm war noch bis 1984 besetzt, jetzt feuert er automatisch

Zwischen Tesco und St. Mary, den beiden größeren und bewohnten Inseln der Scillys, nimmt die Dünung zu. Oder liegt das am Guinnes aus dem Pub gleich neben der schönen Kirche von Hugh Town, dem Städtchen auf St. Mary?
Nein. Lange Wellen – besser: Gezeitenwellen – sind der Trumpf dieser Weltengegend. Zwischen Ramsey Island und der Küste der walisischen Grafschaft Pembrokeshire verengt sich das Meer auf nur gut zwei Kilometer. Hier wird der Gezeitenstrom geradezu hindurch gepresst. An den Felszacken, den Bitches, entstehen Kehrwasser, und wenn der Tidenhub über sechseinhalb Meter geht, jubeln die Surf-Profis und Kajak-Piloten. 1991 fand hier die erste Weltmeisterschaft im Playboating (Kanurodeo) statt; Jan Kellner aus Deutschland wurde Weltmeister.
Unsere Hanseatic muss den Gezeitenstillstand nutzen, um die Vogelinsel Ramsey zu passieren. Eine nautische Herausforderung, aber kein Problem für Kapitän Axel Engeldrum, dem Fast-Hamburger aus dem Alten Land, der auch noch den Leuchtturm auf South Bishop Rock umrundet. Bis 1984 gab es in dieser Meereseinsamkeit noch einen Leuchtturmwärter. Heute funktioniert das Positionsfeuer automatisch.
Und da unser Expeditionsschiff gerade am Entdecken ist, finden wir mit Skomer Island eine Stelle, an der noch nie zuvor ein Hapag Lloyd Schiff war. In Zoodiaks, motorgetriebenen Schlauchbooten, kreuzen wir vor den steilen Klippen, dicht besetzt mit geschützten Seevogelpopulationen. Unzählbar scheinen die Alken (Papageientaucher, Trottellummen und Tordalken) auf den Felsvorsprüngen, und weiter oben in Höhlen unter der Grasnarbe. Allein die Papageientaucher sind hier mit 10 000 Brutpaaren vertreten, berichten die Ornithologen von der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), die uns diese Beobachtung mit entsprechenden Maßregeln gestatten. Emsig jagen die Rotschnäbel gruppenweise nach Beute, tauchen mit sechs, acht oder gar zwölf dünnen Fischchen im di

Das Regenwetter hält die jungen Waliser nicht von Kletterversuchen an dem di-cken Henry-Turm aus Prembroke Castle ab

cken Schnabel wieder auf und schwirren mit hastigem Flügelschlag hinauf zu den Nestern.
Nach den Inseleindrücken sind wir neugierig aufs walisische Festland und machen in Fishguard, einem 3000-Seelen-Städtchen, an der Pier fest. Vor gerade einmal 220 Jahren, am 22. Februar 1797, erlebte dieser Ort die letzte Invasion: 1 400 plündernde französische Soldaten. Den hochprozentigen Flüssigkeiten hielten die aber nicht stand, und so hatte die resolute Jemima Nicholas mit anderen Frauen der Stadt leichtes Werk: Mit Mistgabeln trieben sie die Feinde in die Flucht. Jedenfalls erzählt ein Wandteppich im Rathaus diese Version.
Im Kirchlein gegenüber ergreifen die Töchter jener Damen heute wieder die Initiative und führen uns Fernreisenden in Rollenspielen ihre Chronik vor, begleitet von Orgelmusik und Gesang.

Das sanfte, fruchtbare Hügelland hinter der Küste, einst durchzogen von Erz- und Steinkohlegruben, nennt sich Pembrokeshire Coast National Park und weist eine ähnliche Burgendichte auf, wie wir sie von der Saale hellem Strande her kennen. Vor allem Premborske Castle, die zweitgrößte Burg von Wales, mit gewaltigem, noch immer steingedeckten Rundtum aus dem 12. Jahrhundert, hat vor Piraten geschützt. Henry VII., im 15. Jahrhundert Gründer der Tudor-Dynastie, ist in den Gemächern dieser Veste geboren. Die Burg lockt nicht nur Geschichtsinteressierte an, sondern auch die sportliche Jugend. Wer Mut hat, kann sich, von Bergsteigern gesichert, vom dicken Turm abseilen. Da es hier fast immer regnet, eine glitschig-riskante Sache.

Die praktischen Zoodiaks ermöglichen die Vogelbeobachtung von der Meeresseite her und lassen Landgänge ohne Steg zu

Durch parkartige Kulturlandschaft aus satten Wiesen, lockeren Baumgruppen und kleinen Häusern mit ihren typischen breiten Schornsteinen erreichen wir auf schmaler, gut asphaltierter Straße über einige Hügel den Hafenort Tenby. Der hat natürlich auch eine Burg, ist darüber hinaus aber auch traditionsreicher Badeort. Uns als Fahrensleute beeidruckt der Tidenhub, der hier bis zu 9 Meter reicht. Wir erleben vollkommene Ebbe; alle Boote liegen trocken auf Kiel.
Weiter unterwegs in walisischer Idylle, sehen wir an diesem Wochentag kaum Menschen in den Orten. Arbeit gibt es wenig, und auch deshalb spaltet das Thema Brexit die Familien. Wer wird die Landwirte mit ihren Rindern und Schafen fördern, wenn Großbritannien nicht mehr zur EU gehört?
Oh, diese Engländer! schimpfen die Waliser: „Wir sagen immer Ja zu Großbritannien,
aber niemals zu England“ erklärt uns ein älterer Herr die Stimmungslage. Ähnliches wird uns später oben in Schottland erzählt. Doch unser Schiff entfernt sich zunächst vom United Kingdom. Wir steuern Dublin an, die Hauptstadt Irlands.
Nächste Folge: Im Garten von Powerscourt

In den einst bewohnten Burgräumen wird der Besucher ins Geburtszimmer von Heinrich VII. geführt



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