Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]
Senftenberg: Im linken Lokal von Damen erregt - Märkischer Bote
Mittwoch, 12. August 2020 - 02:01 Uhr | Anmelden
  • Facebook

Klare Nacht
20°C
 

Anzeige

Senftenberg: Im linken Lokal von Damen erregt

12. Juni 2014 | Von | Kategorie: Bilder aus dem alten Senftenberg |

Senftenberg: Im linken Lokal von Damen erregt

Der Bahnhof Senftenberg wurde 1869 erbaut, Personenzüge fuhren ab 1870

Fünf D-Mark für eine Bockwurst im Bahnhof bleibt unvergesslich:
Das Jahr, an dem die ersten Personenzüge in Senftenberg hielten, war nicht so leicht herauszufinden. Helmut Stephan aus Großräschen begründet dies: „Die Antwort A ist im Prinzip richtig, doch der Personenverkehr begann schon 1870. Im Herbst 1868 begann der Bau der eingleisigen Strecke von Großenhain nach Cottbus. Am 20. April 1870 erreichte um 10 Uhr der erste aus Großenhain kommende Zug den Bahnhof Senftenberg. Die zweite Bahnstrecke von Lübbenau nach Kamenz eröffnete am 1. Mai 1874 ihren Betrieb. Beide Eisenbahnstrecken wurden zunächst noch von unterschiedlichen Eisenbahngesellschaften betrieben. Dementsprechend war das Empfangsgebäude geteilt, und zwei Stationsvorsteher regelten den Bahnbetrieb. Die Anlagen dieses Bahnhofes lagen noch zu ebener Erde. Der erste Bahnhof lag weiter außerhalb der Stadt, etwa an der Stelle des heutigen Güterbahnhofes.“
Anzumerken ist an dieser Stelle, dass es sich um die Cottbus-Großenhainer Eisenbahngesellschaft handelte, die 1870 den Personenverkehr aufnahm. Die Berlin-Görlitzer Eisenbahngesellschaft folgte dann mit der Strecke nach Lübbenau ab 1.5. 1874.
Reinhild Schirmer aus Hosena tippt ebenfalls auf A) und schreibt dazu: „Ich kann mich noch gut an manche Kindertage erinnern. Bis zu meinem 9. Geburtstag 1961 fuhr ich in den Ferien zu Verwandten nahe Berlin-West. Vor den Bahnsteigen waren zwei kleine Häuschen, in denen Fahrkarten und Bahnsteigkarten kontrolliert wurden. Unten im Vorraum des Bahnhofes war ein reges Treiben und viele Kioske. Oben auf dem Bahnsteig befand sich auch ein Kiosk, wo man Getränke und warme Würstchen an Reisende verkaufte. Die ganze Familie ging ab und zu im rechten Restaurant Abendbrot essen. Kartoffelsalat mit Würstchen, dazu Fassbrause. Es war sehr preiswert und für uns Kinder was ganz Besonderes. Vor dem Bahnhof hielten im Sommer die Busse fürs Kinderferienlager. Da sind meine zwei Brüder und  ich auch mal mitgefahren. Als ich 14 Jahre war, machte ich in der Mitropa 14 Tage Ferienarbeit.“
„Als Ur-Senftenberger drängt es mich geradezu, meine Erlebnisse mit dem Senftenberger Bahnhof niederzuschreiben“, mailt Rüdiger Labrentz aus Schwarzheide. „Meine Einnerung setzt betreffs des Bahnhofes etwa 1948/49 ein. Ich bin Jahrgang 1943. Im Bahnhof muss in den Jahren ‘48/49 eine Verkaufseinrichtung gewesen sein. Ich durfte meine Eltern zu der Zeit bei einem Abendspaziergang begleiten und bekam dort (für 5 DM) eine Bockwurst. Für damalige Verhältnisse etwas ganz Besonderes. Als mein Bruder und ich älter waren, tranken wir dort auf dem Rückweg von der Probe mit dem Bergarbeiterensemble immer mal ein Potsdamer und rauchte heimlich unsere ersten Zigaretten. Die Gastronomie war im Bahnhof zweigeteilt. Links war der – nun ja – etwas wilde Teil mit Damen, die bedienten und unsere pubertäre Fantasie etwas anregten. Rechts ging es gesitteter zu. Küchenchef und Gaststättenleiter war Herr Neumann, der Vater unseres langjährigen Musikschuldirektors. Das Essen schmeckte dort sehr gut.
Als ich 1962 nach komplizierter Oberschulzeit das erste Mal als frischgebackener Musikstudent wieder meine Stadt vom Bahnhof aus betrat, war das für mich ein besonders Erlebnis. Mit meinem Beruf als Musiker am Staatlichen Orchester und am Theater Senftenberg war  der Bahnhof auch sehr verbunden. Wir waren ein Reiseorchester, und unser Bus fuhr am Bahnhof ab. So war ich viele Jahre täglich am Bahnhof. Er  war und ist noch immer ein Stück meines Lebens.“
Erwin Maybach aus Großräschen merkt zur jüngeren Vergangenheit an: „Bis 1989 war es ein reger Verkehrsknotenpunkt und man konnte die Wartezeiten noch vernünftig überbrücken.“
Chr. Zurek schreibt: „Der Bahnhof war nicht gerade schön von innen, aber sehr praktisch. Es gab eine Gasttstätte für Reisende und eine für Hiesige, einen Verkaufsladen, einen Friseurladen dann einen Kiosk. Es gab zwei Fahrkartenschalter meist mit einer langen Schlange, so wurde der Bahnhof genutzt. Um auf den Bahnsteig zu kommen, brauchte man die Bahnsteigkante, die kostete 50 Pfennige. Es gab auch zwei Toiletten mit Einwurfgeld. Die Züge haben auch in Reppist und Sedlitz und anderen Stationen gehalten.“
Ganz schmucklos war der Bahnhof offenbar nicht, wie Harald Lehmann schreibt: „Zwei der Wandbilder in der Bahnhofshalle Senftenberg wurden von mir angefertigt. Von 1957 bis 1983 bin ich täglich mit dem Zug nach Senftenberg gefahren. Ich habe hier meine Lehre absolviert. Seit 1983 wohnen wir hier.“
An die Gaststätten erinnert sich auch Dieter Probst: „Der Bahnhof wurde mehrmals umgebaut. Bis 1927 musste der Bahnhof immer wieder erweitert werden. Die letzte Renovierung war nach der Wende. Es gab zwei Mitropa-Gaststätten. Links, die für alle, und rechts für Bessere…“
Ausführlich schreibt Hans Hörenz: „Es gibt kaum ein öffentliches Gebäude in einer Stadt, das, zumindest für die ältere Generation, mit so vielen schönen, aber auch weniger guten Erinnerungen und Geschehnissen verbunden ist. In diesem Jahr, da man sich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren und des Beginns des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren erinnert, gehen meine Gedanken auf das Kriegsjahr 1941 zurück, in dem mein Aufenthalt in der Bahnhofshalle mit Folgen verbunden war. Es war der 29. November 1941, meine Arbeitszeit endete um 18 Uhr, als wir uns von der damaligen Wiesenstraße in Richtung Bahnhof mit anderen Arbeitskollegen aufmachten. Einige nutzten die Personenzüge, andere in der Stadt Wohnende und ich als Reppister begleiteten sie. Bei der Unterhaltung in der Halle, der sich auch zwei Freunde aus meinem Wohnort zugesellten, verging die Zeit recht schnell. Plötzlich rief jemand ‘Razzia’. Acht Polizisten betraten die Halle, versperrten die Ein- und Ausgänge, stellten bei allen Jugendlichen die Personalien fest. Über zwei Monate später flatterte eine an meinen Vater als Erziehungsberechtigten vom Bürgermeister der Stadt Senftenberg als Ortspolizeibehörde gerichtete ‘Strafverfügung’ ins Haus. ‘Sie sind angezeigt worden, dass Ihr Sohn Hans am 29.11.1941 um 20.15 Uhr in Senftenberg sich in der Bahnhofshalle aufhielt, ohne in Begleitung eines Erziehungsberechtigten zu sein. Übertretung der Polizei-Verordnung zum Schutze der Jugend vom 9.3.1940.’ Mit der Strafverfügung war eine Geldstrafe von 5 Reichsmark sowie 0,60 RM Auslagen verbunden. Die Einzahlung des Betrages erfolgte kurz nach meinem 17. Geburtstag. Wenige Wochen danach erhielt ich die Einberufungen zum Arbeitsdienst, danach zum Militär und befand mich schon im März 1943 als Soldat auf russischem Boden. Als ich Ende 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurückkehrte, war vorstehendes Geschehen nicht der Grund, weshalb ich schon von Frankfurt/Oder kommend den Bahnhof in Sedlitz zum Ausstieg nutzte und zu Fuß in Richtung Reppist ging. Wahrscheinlich waren es die Stoffschuhe mit Holzsohle, der Holzkoffer und die Wattejacke, die mich zu diesem doch etwas weiteren Fußweg entlang der Bahnlinie bewegten.“
Vielen Dank allen Ratefreunden. Gewonnen haben Rüdiger Labrentz, Helmut Stephan und Reinhild Schirmer.
Herzlichen Glückwunsch!




Anzeige

Schreibe einen Kommentar

 

Ich habe die Datenschutzerklärung der Cottbuser General-Anzeiger Verlag GmbH gelesen und akzeptiere diese mit dem Versenden des Kommentares.


Das könnte Sie auch interessieren