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Karsten Weber: „Privat wie auf Arbeit geht es darum, funktionieren zu müssen“

5. Februar 2016 | Von | Kategorie: Region |

Karsten Weber: „Privat wie auf Arbeit geht es  darum, funktionieren zu müssen“

Karsten Weber beschäftigt sich mit den Folgen der Wechselwirkung zwischen Technik und Mensch Foto: BTU

BTU-Professor erklärt in Cottbus, wie aus einem Menschen zunehmend der Mensch 4.0 wird:
Region (mk). An der BTU sorgt die Ringvorlesung mit dem Titel Mensch 4.0 für eine große Zuhörerschaft. Die Heimatzeitung sprach mit dem Experten für allgemeine Technikwissenschaften Prof. Dr. Karsten Weber darüber, ob wir noch die Technik beherrschen oder die Technik uns.
Herr Weber, wodurch zeichnet sich denn ein Mensch 4. 0 aus?
K. Weber: Dieser Mensch ist einer, der mittels der Technik versucht, den gestiegenen Herausforderungen des Alltags und vor allem dem gestiegenen Leistungsdruck zu begegnen. Mit Technik sind auch künstliche Mittel wie Medikamente gemeint. Junge Leute nutzen beispielsweise Ritalin zur Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit oder Modafinil, um länger wach zu bleiben. Beim Menschen 4.0 verschwimmen häufig die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, er ist immer erreichbar. Manche Menschen nutzen daher Medikamente oder andere Hilfsmittel, um damit zurechtzukommen.
Ist das eine gesunde Entwicklung?
Diese Frage ist mehr als berechtigt. Der Wunsch, seinen geistigen Zustand zu verbessern, um sich nicht nur gesund zu fühlen, sondern leistungsfähiger zu werden, wird immer häufiger geäußert. Privat wie auf Arbeit geht es darum, funktionieren zu müssen.
Werden wir bereits von der Technik beherrscht?
Das ist vom individuellen Arbeitsalltag abhängig. In der industriellen Produktion ist der Mensch sicher stärker von der Technik geprägt. Aber auch abseits von technischen Berufen bestimmt zum Beispiel das Handy über den Alltag. Ich würde nicht so weit gehen, dass der Mensch von der Technik beherrscht wird, aber er ist zunehmend von ihr geprägt und so auch nicht immer Herr seiner selbst.
Warum ist es wichtig, sich mit diesem Thema wissenschaftlich zu befassen?
Es geht im Prinzip darum, wie wir trotz oder gerade mit Technik auch in Zukunft ein lebenswertes Leben führen und negative Folgen der Technik minimieren können. Das ist immer auch eine Frage, wer den Nutzen hat und wer die Kosten tragen wird, wie Chancen und Risiken verteilt werden. Bisher gibt es dafür keine guten Antworten.
Wie meinen Sie das?
Nun, nehmen Sie das Beispiel der Nutzung von Medikamenten zur Leistungssteigerung. Zunächst fällt der Nutzen bei der Person an, die solche Medikamente schluckt. Gibt es aber Nebenwirkungen, kommen in Deutschland die Krankenkassen und damit die Versicherten ins Spiel – Kosten und Nutzen sind also ungleich verteilt. Man kann das auch noch weiterspinnen: Der Arbeitgeber fordert Leistungen, die nur durch technische oder pharmakologische Hilfsmittel zu erzielen sind. In diesem Fall werden die Risiken vor allem auf die Arbeitnehmer abgewälzt, die Chancen fallen in erster Linie bei dem Arbeitgeber an. Um solche Ungleichheiten zu vermeiden, könnte man beispielsweise fordern, dass der Gesetzgeber einschreitet.
Ist also Technik im Menschen die Zukunft?
Es ist zu erwarten, dass es in den nächsten Jahren Implantate geben wird, welche die Leistungsfähigkeit des Menschen steigern können. Gleichzeitig gibt es bereits Bestrebungen, Einfluss auf das menschliche Genom selbst zu nehmen, um genetisch verursachte Krankheiten bei Neugeborenen zu verhindern; der Schritt zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Eigenschaften erscheint dann fast schon zwingend. In Großbritannien wurden entsprechende Forschungen erst kürzlich genehmigt. Es gibt aber auch viele Stimmen, die mit großem Nachdruck fordern, dass solche Untersuchungen solange eingestellt werden sollten, bis die Risiken bekannt sind und über die moralische Begrenzung solcher Eingriffe Einigkeit hergestellt wurde.
Warum beschäftigt sich die BTU mit dem Thema? Hat diese Forschung auch einen lokalen Aspekt?
Die Lausitz ist Teil der Welt; die Folgen solcher Forschung werden auch hier zu spüren sein. Zudem hat gerade der Osten Deutschlands in sehr kurzer Zeit zahlreiche tiefgreifende Umbrüche erlebt. Das bringt eine durchaus wertvolle Sensibilität für die Folgen technischen und gesellschaftlichen Wandels mit sich. Zuletzt wäre zu nennen, dass in Gesellschaften, in denen die Geburtenrate sehr niedrig ist, der Wunsch nach dem „perfekten“ Kind wächst. Doch es muss die Frage beantwortet werden, wie weit die Gesellschaft diese Perfektion vorantreiben beziehungsweise zulassen möchte.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus der bisherigen Forschung?
Das Versprechen des Menschen 4.0 ist verlockend: Aus individueller Sicht ist es leicht zu verstehen, dass Menschen technische oder pharmakologische Hilfsmittel zur Leistungssteigerung nutzen möchten. Doch wenn viele Menschen so handeln, hat dies gesamtgesellschaftliche Auswirkungen. Die Balance zwischen individueller Freiheit und Allgemeinwohl wird auch in diesem Bereich nicht einfach zu finden sein. Zudem sind die bisherigen Antworten von Land zu Land sehr unterschiedlich; wir sind hier noch weit von einem Minimalkonsens entfernt.
Warum ist es wichtig, eine breite Zuhörerschaft zu diesem Thema zu informieren?
Die am Horizont aufscheinenden Möglichkeiten der Verbesserung des Menschen haben langfristig meines Erachtens eine ähnliche Bedeutung wie beispielsweise der Klimawandel. Diesen in den Griff zu bekommen wird nur gelingen, wenn möglichst viele Menschen sich aktiv daran beteiligen, den Klimawandel zu verhindern oder zumindest zu minimieren. Ähnliches gilt für das Thema Mensch 4.0: Unsere Enkel werden mit den Entscheidungen, die wir heute treffen, leben müssen. Daher sollten diese Entscheidungen nicht aus dem hohlen Bauch, sondern gut informiert getroffen werden.
Vielen Dank für das Gespräch. Mit Prof. Dr. Karsten Weber sprach Mathias Klinkmüller.




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