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Senftenberg: Uraufführung: Liebe Grüße aus Lemberg

28. Februar 2020 | Von | Kategorie: Kultur & Service, Senftenberg & Seenland |

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„From Ukraine with Love“ heißt ein Projekt, das zeitnah Grüße aus Senftenberg nach Lviv schickt

Senftenberg: Uraufführung: Liebe Grüße aus Lemberg

Grüße aus Lemberg – auf dem Orientteppich werden die Zuschauer selbst aktiv, lassen sich auf Wünsche und Fragen einer Spielgemeinschaft in der fernen ukrainischen Stadt ein. Ein ungewöhnliches Theaterprojekt der neuen Bühne Senftenberg macht neugierig und nachdenklich zugleich. Nicht immer passen Tagesnachrichten zu dem, was Briefe oder Bilder erzählen. Foto: J. Heinrich

Senftenberg. Svetlana lebt in Lwiw, das polnisch Lviv und deutsch Lemberg heißt. Sie ist 28 Jahre jung, studierte Architektur, hat für Menschen in Senftenberg Kekse gebacken und schreibt in ihrem Brief: „Lemberg ist ein Geschenk an die Menschheit…“
Sicher wird daran viel Wahres sein. Aber Lemberg ist auch ein Synonym für Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert. Alle Deutschen mussten Breslau verlassen. Die Sowjetunion gliederte das polnische Lviv in die Ukraine ein, deportierte die Menschen nach Breslau, das nun Wroclaw heißt, und in Lwiw, jetzt ukrainisch und zum Glück von jüngeren kriegerischen Ereignissen verschont, wurden aus anderen Sowjetrepubliken Vertriebene angesiedelt. Auch Krim-Tataren zum Beispiel.
Das und noch viel mehr erfahren Besucher der Inszenierung „From Ukraine with Love“ über die märchenhafte Hauptstadt Ostgaliziens, die ein „Geschenk an die Menschheit“ und tatsächlich UNESCO-Erbe ist. Sehr schnell nach dem II. Weltkrieg wurde dort begonnen, die Altstadt zu retten. Nur wenigen hier in der Lausitz ist das bekannt, denn immerhin etwa 1500 Kilometer Wegstrecke liegen zwischen Senftenberg an der polnischen Westgrenze und Lemberg hinter der polnischen Ostgrenze. Das Theaterprojekt überwindet die Weite spielend im wörtlichsten Sinne. Am letzten Sonnabend war Premiere des Stücks; wir sahen – besser: durchspielten – diese Uraufführung am Mittwoch gemeinsam mit Finsterwalder Schülerinnen und einigen Senftenbergern.
Die Probebühne ist schwarz, Stühle stehen im Kreis um einen (nicht ganz echten) Orientteppich, darauf schwarze Würfel als Geschenkablagen. Aus einer Truhe werden die Grüße aus Lemberg entnommen. Zehn Pakete, dazu jeweils ein Brief, den jemand verliest, der Fragen enthält oder auch  die Anleitung, etwas gemeinsam zu tun. Lemberger erzählen von sich, von ihrem Leben, ihren Ärgernissen und Freuden, ihrer Landschaft, ihrem Zorn bei den Demos von 2013 auf dem Maidan im Kiew, von den korrupten Eliten und von ihrem Frust darüber, dass der Rest der Welt in der Ukraine das „Schmuddelkind Europas“ sieht. Ist das so? Wie denken die Senftenberger oder in diesem Falle die Finsterwalder? Und wie denken sie über sich. Ein Lemberger schreibt, dass dort noch nicht alles vom „Umbruch“ gelöst ist und er fährt fort: „Ihr habt doch diese Wende. Ganz ähnlich wie wir. Wie kommt ihr damit zurecht?“
Plötzlich ist die Entfernung zu Nichts geschrumpft. Wie empfinden Schüler, Lehrer, Dramaturgen, geboren nach 1990, die Folgen der Wende. Worin sehen sie Ursachen dafür, dass manches nicht so gut läuft, wie es laufen könnte. Ja, schlimm sei das gewesen bei den Pionieren, wo die Kinder Dinge tun mussten, die sie nicht wollten. „Es war so wie bei der Hitler-Jugend“. Etwas erwachsenere Besucher sind verblüfft. Sie waren begeisterte und glückliche Pioniere. Aber – nun ja, es wurde mal drüber gesprochen. Kein Streit entsteht, sondern immer mehr Nähe, ausgelöst von Briefen aus der Ferne, Keksen, die nur den Fehler haben, dass das Rezept nicht dabei liegt, und einem Saft aus gerösteten Apfelschalen, der schmeckt wie die getrockneten Apfelscheiben der Kindheit vom Trockenboden.
Ja, auch Sorgen gibt es. Wird mein Brandenburg-Abitur gut genug sein für ein Medizin-Studium vielleicht im „reichen Bayern“, wo doch alles viel besser ist? überlegt ein Mädchen. Und eine Studentin aus Leipzig versteht kaum, warum  Altersgenossen in Westdeutschland die Ost-Unis meiden. Sie wissen vermutlich auch über Lemberg noch viel weniger als wir Lausitzer. Und was wissen alle aus der Ukraine? Was die Nachrichten bringen. Jetzt gilt es, sich zu entscheiden. Russland-Sanktionen – ja oder nein? Wer Ja denkt, geht zur Truhe, wer Nein meint, zur Tür. Nein, in der Mitte verharren gilt nicht. Nur Ja oder Nein.
Stück um Stück leert sich die Truhe. Fotos aus Lemberg kleben an den Würfeln, die Silhouette des dortigen prächtigen Theaters steht neben Pappkameraden, Puppen und ein Teddy liegen da, ein Kompass, und jetzt stimmt auch jemand ein ukrainisches Lied an. Lasst uns wenigstens ein Stück vom Refrain mitsingen, lautet der Mehrheitswille. War schon mal jemand in Lemberg? Oder wenigstens in Breslau, Krakau oder im slowakischen Kosice, der einstigen Partnerstadt von Cottbus mit ganz ähnlichem habsburgischen Hintergrund? Nein, sagt eine junge Frau, die in Berlin auswuchs, sich erst kürzlich erstaunt in Dresden umsah und keine Nazis traf, woraufhin sie sich bis Prag wagte und begeistert war. Wir Deutschen stecken wohl voller Vorbehalte, das hat sich seit der Wende kaum oder gar nicht gebessert. Immerhin haben Grüße aus Lemberg dazu beigetragen, herzhaft darüber zu reden, vielleicht auch ein paar Denkansätze mit in die nächsten Wochen und Monate zu nehmen. Warum nicht mal Wanderurlaub ostwärts versuchen?
Dort, im leider sehr fernen Lemberg, in dem übrigens Franz Xaver Wolfgang Mozart, jüngster Sohn von Wolfgang Amadeus, über Jahrzehnte als angesehener Pianist und Komponist wirkte, packten dieser Tage in ganz ähnlicher Weise Theaterfreunde Senftenberger Grüße „From Germany with Love“ aus. Beigegeben wurden den ins Ukrainische übersetzten Briefen eine wendische Trachtenpuppe, Zeugnisse der Bergmannskultur und auch „Scharfes Gelb“ die mutige Marke der Stadt im Herzen des Seenlands. Lemberg ist mit gut 700 000 Einwohnern ungleich größer als Senftenberg.
Die Uraufführung genießt die Förderung der Kulturstiftung des Bundes. Macher ist vor allem der Allrounder André Erlen aus Köln, der freies Schauspieltraining  auch in Polen unterrichtet hat. 2003 gründet er mit den Theatermachern Stefan H. Kraft und Klaus M. Zehe sowie dem Autor Klaus Fehling das Theaterkollektiv „Futur 3“, das zeitgenössische Themen der urbanen Kultur in öffentlichen Räumen inszeniert.
Senftenberg-Lemberg gehört also zu „Future 3“. Das Bühnenbild schuf Petra Maria Wirth und die hier alles bewegende Dramaturgie liegt in den Händen von Maren Simoneit, die schon einige Jahre als Dramaturgin an der neuen Bühne arbeitet, vorher aber internationale Erfahrungen, unter anderem im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) mit theatralen Experimenten gesammelt hat. Die Lockerheit aller Vorgänge hier erklärt sich wohl auch daraus.            J.Hnr.




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