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Ella: „Ich arbeite, also bin ich ich“

8. April 2016 | Von | Kategorie: Feuilleton |

Ella: „Ich arbeite, also bin ich ich“

„Unschuld“ von Dea Loehr (Regie: Wolf Twiehaus) am Staatstheater Cottbus: Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Željko Marović (Fadoul) und Max Hemmersdorfer (Elisio) Foto: Thomas Richert

Unschulds-Philosophisches von Dea Loehr / Anmerkungen zur Inszenierung:
Cottbus. An seinem Ich kann niemand zweifeln, wohl aber verzweifeln. In dieser Erkenntnisspanne hat die bayrische Försterstochter und höchst erfolgreiche Dramatikerin Dea Lohr ihr Stück „Unschuld“ angesiedelt. Genau genommen ist das gar kein Drama, sondern eine  Monologsammlung dramatischer Fallstudien. Nichts findet zueinander, kein Handlungsfaden, nur wehmütig sehnsuchtsvolles Singen: Kommt ein Vogel geflogen…
In absurder Raumkonstellation mit bunten Dachfenstern, Harmonium, Kleiderschrank, Totentisch, verrissener Ornamenttapete (Bühne: Katrin Hieronimus) und Meerblick belichten sich Erniedrigte, Verfolgte, Beleidigte, Verstoßene, Kranke, vielleicht gar Irre und jedenfalls Schuldige. Zwei illegale Einwanderer verleiten zur Reflexion auf tagesaktuelle Konflikte, doch darauf zielt das Stück nicht, das 2003 im Hamburger Thalia uraufgeführt wurde. Der ängstlich frömmelnde Fadoul (Zeljko Marovid a.G..) und sein spontaner Kumpel Elisio (Max Hemmersdorfer a.G.) verkörpern die von Zivilisationslast freie Seite: Zwei junge Männer, unterm hohen Himmel der Wüste aufgewachsen, fühlen Angst unter den tiefen Wolken des Nordens, verwechseln Geld und Gott. Wie sollten  sie als Fremde festen Boden finden, wo doch um sie herum jeder für sich panisch im Netz undurchschaubarer Verstrickungen zappelt, gefangen in eingebildeter oder wirklicher Schuld. Oder doch Unschuld?
Wulf Twiehaus (a. G., zuletzt Oberspielleiter in Konstanz, wo er schon mit der Ausstatterin und den Immigranten-Darstellern arbeitete) hat seinen Figuren für die großen Gefühle wie Liebe, Hass, Angst, Hoffnung und immer wieder Todesnähe weite komödiantische Spielräume geschaffen. Die großen Könner holen viel aus diesen Rollen, allen voran Heidrun Bartholomäus  als galgenhumoriger Pflegefall, dann Susann Thiede als vergessene Frau, die mit Selbstbezichtigungen Aufmerksamkeit sucht, oder Andreas Gollner, der liebevoll Leichen wäscht, weil das Leben ihm jegliches andere Gebrauchtwerden vorenthalten hat.
Nicht ganz überzeugen kann als blindes Mädchen die junge Lucie Thiede, deren Hinwendung zu Fadoul nicht verständlich wird. Ariadne Pabst (in Selbstmörderin- und anderen Rollen) sei auf sorgsameren Umgang mit dem wichtigsten Werkzeug der Schauspielerei verwiesen – der deutlichen Sprache. Sie muss auch in Schattierungen und unterschiedlichen Tempi klar und klangvoll  sein. Nicht wie in Tatortszenen, denen kein Mensch mehr akustisch folgen mag.
Deutlich hörbar oder auch stumm, aber völlig absurd präsentieren sich die Eheleute Ella und Helmut. Der „Schmuckschmied“ sitzt wortlos werkelnd das ganze Stück lang links vor der Bühne auf dem Klo, sie, die alternde Philosophin, rechts fernsehend in der Badewanne. Das mehr als 300 Jahre alte „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) des Franzosen Descartes adaptiert sie zu „Ich arbeite, also bin ich ich“ und dreht damit folgerichtig vollkommen durch und schlägt ihrem stumm produktiven Mann den Schädel ein. Auf einen Toten mehr oder weniger kommt es aber bei „Unschuld“ nicht an, wobei die meisten unsichtbar ertrinken oder aus Hochhäusern fallen. Eine schreiende Anzeige von fortschreitender Dekadenz. Real-Dramatik also.
Wir sahen eine gut besuchte Ringvorstellung Ende März mit großer Aufmerksamkeit im Parkett und viel Beifall. Nächste Vorstellungen: 4./28.5.   J. Heinrich




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