Reisebericht: Durchs Zweistromland zur Metropolregion

Durch das Stettiner Tor haben wir das Städtchen Gartz. Heimat des königlichen Freundes Fredersdorf, verlassen und steuern auf Stettin zu. Ost- und Westoder bilden bis hinein in die Großstadt ein durchnässtes Zweistromland.

Unser Station in der Marina am Dammschen See in Stettin.
Unser Station in der Marina am Dammschen See in Stettin.

Sie steht hier nahezu still, die nach fast 800 Kilometern müde gewordene Oder. Auf den letzten Kilometern bis zur Ostsee muss sie mit nur wenigen Zentimetern Gefälle das zur Millionen-Metropolregion aufwachsende Stettin und das weite Haff durchqueren. Was hat sie nicht an Glanz und Elend in dieser meernahen Ebene erleben und ertragen müssen!

Das neue Stettin mit der Westoder und der alten Jacobikirche, deren Wiederaufbau (seit den 1970er Jahren) noch heute anhält.
Das neue Stettin mit der Westoder und der alten Jacobikirche, deren Wiederaufbau (seit den 1970er Jahren) noch heute anhält.
Pommersche Kronzeugen: Boguslaw X. & Anna Jagiellonka von 1491 am Stettiner Schloss
Pommersche Kronzeugen: Boguslaw X. & Anna Jagiellonka von 1491 am Stettiner Schloss

Wir umfahren mit unserem braven Mobil die pulsierende Stadt und finden in der Marina am Dammschen See ein Willkommen. Auch dieses Gewässer im Osten und Südosten der Stadt ist eigentlich Oder und es wimmelt von Segelbooten und kleineren Yachten. Für Stettin mit seinen heute 400.000 Einwohnern sind Flussarme und Insellagen charakteristisch. Der alte Glanz aber findet sich in der westpommerschen Woiwodschaftshauptstadt nur punktuell. Zu heftig waren die Verluste der mehrfach bombardierten Festung 1945.

Neues Stettiner Rathaus von 1875, heute Sitz der westpommerschen Seebehörden
Neues Stettiner Rathaus von 1875, heute Sitz der westpommerschen Seebehörden
Ins Stettiner Schloss aus der 16. und 17. Jahrhundert laden Kino, Theater, Oper, Konzertsäle und Galerien zur Kunstgenuss ein.
Ins Stettiner Schloss aus der 16. und 17. Jahrhundert laden Kino, Theater, Oper, Konzertsäle und Galerien zur Kunstgenuss ein.
Altstädtischer Heumarkt mit altem Stettiner Rathaus (l.)
Altstädtischer Heumarkt mit altem Stettiner Rathaus (l.)

Unterhalb der mächtigen Jacobikirche, die seit den 1970er Jahren wieder aufgebaut wird, durchschneidet eine vielspurige Schnellstraße ein Wohngebiet einfacher Häuser, über das sich ein glutroter Ziegelbau erhebt: das Neue Rathaus, jetzt Seebehörde, an das sich ein gepflegter Stadtpark anschließt. Etwas unmotiviert an stark befahrenen Kreuzungen stehen das barocke Berliner und das Königstor, Zeugnisse der schwedisch-preußische Festungszeit. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I., so ist in goldenen Lettern zu lesen, behielt damals die Oberhand.

Wolin - Versuch der Nachbildung einer zur „verbrannten Erde“ zerstörten deutschen Stadt
Wolin – Versuch der Nachbildung einer zur „verbrannten Erde“ zerstörten deutschen Stadt

Weit älter ist der Glanz der Anna von Polen (1476-1503), die, erst 15jährig, 1491 dem pommerschen Herzog Boguslaw angetraut wurde. Das Paar steht nun versteinert als Symbol einer Stettiner Blüte zeit am Schloss. Der wiederaufgebaute Palast erhebt sich weiß leuchtend über der Altstadt und lädt mit Theater-, Opern- und Konzertbühnen, Kino, Galerien und Museum als Kulturzentrum ein. Am fröhlichsten geht es allerdings allabendlich etwas unterhalb am Heumarkt zu, wo die Stimmung der am hiesigen Cottbuser Altmarkt ähnelt.

In Dziwnow wird emsig gebaggert und planiert für noch mehr luxuriösen polnischen Odertourismus
In Dziwnow wird emsig gebaggert und planiert für noch mehr luxuriösen polnischen Odertourismus

Wir trennen uns ungern vom pulsierenden Stettin und erreichen am östlichen Ausgang des Stettiner Haffs an der Dziwna, dem östlichsten und schwächsten Arm der drei Oderflüsse zum Meer, das Städtchen Wolin, für uns das Tor zur Insel Usedom. Der Stadt wurde übel mitgespielt. Dem Wahn der „verbrannten Erde“ folgend, hat der Kommandeur des schon manövrierunfähigen deutschen Kreuzers „Lützow“ den Ort am 2. und 3. Mai 1945 mit 280-mm-Artilleriegeschossen zu 70 Prozent zerballern lassen. Erst in jüngsten Tagen sind die Kirche neu aufgebaut und ein Stück Stadt in Giebelreihen nachgebildet worden. Versuche, durch Freilandmuseen touristischen Anschluss zu finden, scheinen aber nicht zu gelingen. Direkt am Meer, in Dziwnow, wird hingegen am Oderwasser mit viel Power gebaggert und planiert. Immobilien für Luxustourismus wachsen aus dem Sand.

Barocke Tore, hier das Berliner, sind Zeugen der Festungsgeschichte und ehren in der Aufschrift den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I.
Barocke Tore, hier das Berliner, sind Zeugen der Festungsgeschichte und ehren in der Aufschrift den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I.

Letzte Folge: Am Ziel – Mühlenbake und Peenestrom

 

 

 


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