
In moderne Dynamik gönnt sich kaum mehr jemand den Genuss der Auskehr, des besinnlichen In-Sich-Gehens in des Jahres letzter Stunde. Zettelblocks verflossener Monate fliegen durch die Hand und erinnern uns an Gedanken, die wir festzuhalten suchten. Auf einem Hotel-Notizblock, vermutlich aus Weimarer Goethe-Tagen, steht: „Religion und Kunst sind ein trübes Element…, ich habe mir sie immer fern gehalten.“ In Dichtung und Wahrheit“, 15. Buch, schreibt der reife Meister dies; grammatisch nicht ganz lupenrein, aber doch irgendwie aktuell klingend. Wenn sich Cottbuser des Abwasser- und Altanschluss-Terror besinnen, oder wir Brandenburger von sogenannter Polizeireform hören oder gar vom oberpeinlichen Flugplatzbau, dann sehen wir ein: welch trübes Element ist solche Politik! Zuletzt noch Frau Nahles als Arbeitsministerin! Ach, könnten wir doch, wie Goethe, uns dies alleweil fern halten. Aber er, der Meister, philosophierte in satt versorgten Gefilden der Kunst, nicht auf dem harten Boden einer kriselnden spätkapitalistischen Wirklichkeit, die ihr Volk in Dönerglückseligkeit berauscht.
Apropos selig. Wie, nochmal, hielt er’s mit der Religion? – Da herrscht beim Weimaraner (und in seinem Werk) heitere Stille. Irgendwie muss es ihm gelungen sein, die trüben Elemente von sich fern zu halten. Vermutlich klappte das, weil er quasi brüderlicher Freund seines Fürsten war. Unter Amigos soll da ja auch heut noch Sonderliches gelingen. Hier in Cottbus und anderswo in der Lausitz. Auf den Auskehr-Zetteln steht mancherlei Randnotiz darüber…
