Deutschland entwickelt sich zur Republik der Absagen. Im Winter fällt der Unterricht wegen Eis und Schnee aus, im Herbst wird der Bahnverkehr bei jedem kräftigeren Sturm eingestellt und im Sommer werden Dorffeste vorsorglich gestrichen, weil das Thermometer über 30 Grad klettert. Natürlich birgt Hitze Risiken. Aber seit wann besteht verantwortungsvolles Handeln darin, das öffentliche Leben einfach abzuschalten? Wer jeder Gefahr nur noch mit Verboten und Absagen begegnet, übernimmt keine Verantwortung – er entzieht sich ihr.
Denn Verantwortung bedeutet, Lösungen zu finden. Trinkwasser bereitstellen. Schatten schaffen. Programmzeiten anpassen. Die Hüpfburg unter Bäume stellen. Kurz: Risiken beherrschbar machen, statt vor ihnen zu kapitulieren. Mit jeder vorsorglichen Absage verlieren viele Menschen. Ehrenamtliche investieren oft monatelang in die Vorbereitung. Schausteller und Gastronomen bestellen Ware, reservieren Personal und bleiben am Ende auf ihren Kosten sitzen. Künstler verlieren Auftritte, Vereine Einnahmen und die Besucher ein Stück gemeinschaftliches Leben. Absagen sind die bequemste aller Entscheidungen. Sie kosten keine Kreativität, keinen zusätzlichen Aufwand und minimieren jedes Haftungsrisiko. Genau deshalb werden sie immer häufiger getroffen. Was früher mit gesundem Menschenverstand gelöst wurde, landet heute auf dem Schreibtisch der Bedenkenträger.
Dabei ist Hitze keine Naturkatastrophe. Sie gehört zum Sommer – genauso wie Schnee zum Winter und Wind zum Herbst. Wer schon vor einer Wettervorhersage kapituliert, sendet eine fatale Botschaft: Unsere Gesellschaft ist nicht mehr bereit, mit Herausforderungen umzugehen. Sie zieht lieber den Stecker.
Wenn dieser Trend anhält, brauchen wir bald keine Wettervorhersage mehr. Es genügt ein Blick auf den Kalender: Sommer? Abgesagt. Herbst? Abgesagt. Winter? Vorsorglich auch. Übrig bleibt eine Gesellschaft, die jedes Risiko vermeiden will – und dabei das Leben gleich mit.
Frank Heinrich
Weitere Kommentare finden Sie hier!
