
Der CDU-Mann aus dem Rathaus will Chef sein :
Cottbus. „Die Zeit ist reif“, sagt Holger Kelch. Das wirkt ziemlich stürmisch gleich zu Anfang. Aber es klärt auch gleich die Fronten. Der blonde Bürgermeister, jünger wirkend noch als 47, die er in seine Anzeige bewusst ganz an den Anfang drucken lässt, gibt sich deutlich entschlossen. Er habe das zuerst in seiner Familie besprochen. Ja, die meisten Leute in der CDU stünden auch hinter ihm. „Die Zeit ist reif, in eigener Verantwortung und nicht nur aus zweiter Reihe zu handeln.“ Er will OB werden in dieser Stadt, in die er vor elf Jahren kam, „um auszuhelfen.“
Was damals lief „spielt heute keine Rolle“, sagt er. Auch die Kandidatur vor acht Jahren bringt er nicht ins Gespräch: „Ich denke nur nach vorn. Was zu tun ist. Da kommt genug zusammen.“
Der Mann im orangefarbenen Polohemd hat Urlaub, wirkt entspannt und meidet den Begriff „Wahlkampf“. Wozu auch Kampf? „Ich will einen Wettbewerb der Ideen.“
Seine momentanen Ideen befassen sich mit Familie. Drei Kinder gehören dazu, mitten in Cottbus aufwachsend. Er selbst kommt aus der Calauer Ecke, war dort gleich 1990 in der CDU aktiv, rutschte ins Amt und war von 1994 bis zum Ruf nach Cottbus Ordnungsamtsleiter im OSL-Kreis. Wenn es sowas gibt, war Michael Schierack, heute CDU-Spitzenkandidat im Land, seine Orientierungsfigur. „Wir sind uns schon früh begegnet, vor 20 Jahren vielleicht. Ich schätze ihn sehr.“
Mag sein, dass der E-Monteur und Signalwerker zum akademischen Freund aufgeschaut hat. Jedenfalls fühlte er sich gefordert, studierte berufsbegleitend BWL an der hiesigen Wirtschaftsakademie. „Es läuft doch vieles darauf hinaus, dass du die Zahlen deuten kannst. Was bedeuten sie fürs Wachstum, für die Menschen?“15 Jahre lang habe die Stadt regelmäßg 1,5 Millionen Euro nach Ulm überwiesen. Gerechtfertigte Kosten für das Verwaltungsrechnen. „Ich dachte aber: Das Geld ist weg aus unserem lokalen Kreislauf. Das muss anders gehen.“ Entstanden ist daraus das regionale Rechenzentrum, dem Holger Kelch selbst vorsteht. Cottbus wird zum (einnehmenden!) Dienstleister für andere.
Der Urlauber strafft den Rücken und formuliert: „Wo ich den Freiraum habe, bin ich erfolgreich für die Stadt.“ Spielt das an auf Konflikte in zweiter Reihe? Aber im Ressort steht er schon ganz vorn. „Da habe ich das Projekt Breitband durchziehen können. In Kooperation mit der Telekom bekam Cottbus auf deren Kosten das schnelle Glasfasernetz. Nur Kahren fehlt noch.“
Nein, moderne Spielerei sei das nicht. Das gehört zur zeitgemäßen Infrastruktur. Auch die Teleco und andere Unternehmen haben sich eingebracht.
Wenn Holger Kelch über seinen Schwerpunkt Nr. 1 spricht, die private Wirtschaft und die Arbeitsplätze, dann sagt er andere Sätze als die oft gehörten. Zum Beispiel den: „Investoren brauchen ein ausgeglichenes Umfeld.“ Darinnen steckt das Programm feinfühliger Netzwerke. Oder: „Mit Mitteln des Marktes soziale Gerechtigkeit gestalten.“ Sind das Floskeln, haben die mit Cottbus zu tun?
Jetzt vergisst Holger Kelch, dass er Urlaub hat und bringt Beispiele: „Eine neue BuGa am Ostsee. Das heiße ich gut. Auch möglichst viele Fördermittel sollen her. Zusätzliche. Aber der Kern ist für mich die private Investition. Bitteschön, junge Familien, baut am Ostsee. Investiert! Macht aus euren Ideen dort Unternehmen. Nur dann wird Ostsee oder BuGa nachhaltig.“
Schon liegt das Uni-Thema blank. Was war, ist vorbei. Die Uni, sagt er, ist eine Denkfabrik. Und Gedachtes sollte hier zu Wirtschaft werden. „Wir entwickeln nicht für den Westen, sondern für hier“, findet Holger Kelch und fordert einen Präsidenten und Profs mit Präsenz vor Ort. Alles andere sei schwer zu tolerieren. Schließlich müsse die Uni auch Entscheidendes für den „Plan B“ bieten.
Da spricht der Bergmann, der er vor ‘90 war. „Unsere Kohle muss viel besser veredelt, nicht nur einfach verbrannt werden.“ Er sieht für die Region mit Braunkohle eine lange, gute Zukunft – eben durch „Plan B“, die bessere Lösung, die aus der Wissenschaft kommt. Und „seine“ Kommune begreift dabei die Verantwortung, die vorhandenen wirtschaftlichen Potenziale einzubeziehen, Netzwerke zu fördern, eine für Studenten und forschende Institute attraktive Stadt zu bieten.
Konnte er, der Bürgermeister, nicht manches auch aus der zweiten Reihe schon dahin lenken? Hat nicht auch er die vielen 30-Schilder gut geheißen? „Nein“, doziert er jetzt. Wer weit oben im Rathaus arbeitet, müsse loyal sein. „Ich habe zu unterstützen, was der OB als Linie vorgibt. Wenn ich OB sein werde, messe ich meinen Führungsstab vor allem an seiner Loyalität.“
Er hebt den Zeigefinger, schmunzelt verschmitzt. „Und noch was: Wie’s richtig geht, lass’ ich mir erklären. Da gibt es genug, die sehr viel wissen.“
