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Die Slawenburg und das „Lausitzer Leuchten“

David Chmelik aus Prag präsentierte in Vetschau seine „Neue Welle“ einer europäischen Slawenburg-Stiftung.

Visionär David Chmelik ist Gründer und Präsident von „Slavonic Europe“, einem Netzwerk für internationale slawische Kooperation.

Prag / Vetschau (-jh-) Anfang dieser Woche war die Slawenburg Raddusch wieder Thema des Wirtschaftsausschusses der Vetschauer Stadtverordneten. Das 1999 bis 2001 großzügig vom staatlichen Bergbausanierer LMBV errichtete Prachtstück Lausitzer Landeskultur dümpelt als Sorgenkind, seit die Anlage als kommunales Eigentum in den Bestand der Vetschauer Wirtschaftsgesellschaft geriet. Personal- und Betriebskosten übersteigen die Erlöse aus 50.000 Ticket-Verkäufen jährlich. Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler hat das regionale Wahrzeichen lange mit Zuneigung bedacht, doch die Stadt kann es sich ohne Landes- oder wenigstens Landkreis-Zuschüsse nicht länger leisten. Die Burg soll in andere Hände kommen, möglichst verkauft werden, hieß es mit den Stimmen der Abgeordneten-Mehrheit.
Schneller als geahnt fand sich ein potenter Interessent. Burgkurator Jens Lipsdorf folgte in der Vorwoche einer Einladung nach Prag. Dort war der tschechisch-deutsche Volkswirt David Chmelik Hauptorganisator einer Ministerialkonferenz anlässlich der 20jährigen Mitgliedschaft Tschechiens in der EU.
Chmelik präsentierte hier sein Netzwerk „Slavonic Europe“ für neue Perspektiven grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Schirmherr der Prager Konferenz war der Vize-Premierminister der Tschechischen Regierung für Digitalisierung und Minister für Regionalentwicklung, Dr. Ivan Bartos, Vortragende unter anderem Martin Puta, Landeshauptmann der Region Liberec, und Dr. Uwe Koch, Kulturbeauftragter der brandenurgischen Landesregierung für die Lausitz. Überstrahlt hat diese Konferenz der Begriff LUSATIA GLOW – Lausitzer Leuchten. Es soll mehr als die Slawenburg erhellen.

 

 

Die Slawenburg Raddusch ist eine nach archäologischen Befunden in Originalgröße nachgebaute Kultstätte der Lusizi, eines zugewanderten Slawenstammes aus dem europäischen Südosten. Als touristische Attraktion hat sie etwa 50 000 Besucher pro Jahr – zu wenig für die Bilanz der Wirtschaftsgesellschaft der Stadt Vetschau.

Slawische New Wave
Chmelik hat nach seinem Studium u.a. in München und Berlin 20 Jahre in Führungsfunktionen in Brüssel gearbeitet und dabei, ausgehend von seiner slowakisch-tschechischen Herkunft, slawische Europavisionen entwickelt. Sein Begriff „slawischer Gemeinsamkeit“ umfasst 14 Regionen von Bosnien, Bulgarien und Kroatien bis zur Slowakei, Slowenien und Ukraine. „Mehr als 300 Millionen Slawen leben in Europa, weitere 100 Millionen verstreut in der Welt“, erklärte Chmelik am Montag den Damen und Herren im Vetschauer Wirtschaftsausschuss, und er entwickelte ein strahlendes Bild der Impulse für Kunst, Ökonomie, Demokratie und Bildung, die künftig von der Slawenburg Raddusch ausgehen würden, in der – dann überdacht – schon 2025 Stardirigent Chiristian Thielemann („den ich gut kenne“, so Chmelik) ein Neujahrskonzert des slawischen Jugendsynfonieorchesters dirigieren könnte…
Atemlose Stille im Obergeschoss des Vetschauer Bürgerhauses. Dann ein Wortmeldung und die Frage: „Und wer, bitte, trägt dann die Betriebskosten der Slawenburg?“ Bürgermeister Bengt Kanzler moderiert: „Es ist eine frühe Phase gemeinsamer Überlegungen.“ Auch der Tourismusausschuss werde am Ende der Woche einbezogen. Schwierige Entscheidungen seien zu treffen…

 

Was sich von außen urslawisch in Holz und Lehm darstellt, besteht innen aus modernen Baustoffen und birgt eine spannende museale Reise in die Vorgeschichte, die frühe Besiedlung der Lausitz bis zur Zeit des Braunkohleabbaus. Familien, Schulklassen, Forschende und wissbegierige Touristen finden Antworten auf viel Fragen.

Stiftungs-Modell
David Chmelik vertieft seinen Begriff vom Lausitzer Leuchten, kennzeichnet beide Lausitzen als starke Einheit und Grenzregion-Partner neben Tschechien und Polen. Die weitere kulturelle und soziale Annäherung in Europa sieht er nicht von den Hauptstädten, sondern von solchen Grenzregionen ausgehen: „Hier leuchtet die funktionierende Gemeinschaft im Alltag.“ Davon wisse man in Brüssel wenig; dort kenne man nur Geldströme, die natürlich auch fließen müssen.
„Slavonic Europe“ ist eine Stiftung belgischen Rechts, David Chmelik ihr Präsident und damit handelnde Person im Hoffnungsfalle Slawenburg. Für die könne er sich eine Stiftung deutschen Rechts, idealerweise eine Öffentliche (privat wäre die Alternative) vorstellen. Träger soll die deutsche Sektion von „Slavonic Europe“ sein, als, wie es der Ideengeber formuliert „Netzwerk eines grenzüberschreitenden slawischen Kulturgedankens in Europa von der Lausitz bis ans Schwarze Meer.“ Als Partner in diesem Netzwerk sieht Chmelik die Wirtschaft, die Bildungsinstitutionen beider Lausitzen, ihre Kulturschaffenden aller Genres und natürlich die bestehenden Kulturvereine. Ein herausra- gendes Potenzial bringt die Burg in ihrer aktuelle Konzeption selbst mit: Die wissenschaftlich fundiert aufbereitete slawische Geschichte und Kultur in der Dreiländer-Region Deutschland-Tschechien-Polen. Chmelik war begeistert, als er im ersten Kontakt mit der Slawenburg auf Prof. Rudolf Virchow stieß, dessen archäologisches Lebenswerk hier gewürdigt wird. „Virchow war Pathologe wie mein Vater und hat uns gelehrt, dass der Körper die Kraft aus der Summe seiner Zellen bezieht, die das Blut belebt. Wir bilden Slavonic Europe aus den regionalen Zellen und beleben es durch den Fluss des Geldes.“

 

Prager Podium während einer Regierungskonferenz zum 20. Jubiläum des tschechischen EU-Betritts: Über Erfahrungen slawischer Basisarbeit berichten (v.l.n.r.): Jens Lipsdorf, Kurator der Slawenburg Raddusch/Vetschau, Vitka Doubnerova vom Bürgerprojekt Frydlant und Zbynek Vlk, RONJA-Schulprojekt. Fotos: J. Heinrich

Ob ein slawisches Neujahrskonzert aus der Radduscher Burg schon 2025 bis Brüssel zu hören sein wird, mag zu bezweifeln sein. Tatsache ist, dass die Vetschauer Abgeordneten, Bürgermeister Bengt Kanzler, Jens Lipsdorf in der Slawenburg, Dr. Uwe Koch als Kulturbeauftragter aus Potsdam und andere Akteure viel Stoff vor sich haben, um solches Lausitzer Leuchten zu ermöglichen.
J. Heinrich

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