
Anmerkungen zu „Novecento“ mit Gunnar Golkowski in der Kammerbühne:
Cottbus. Der beklagenswerte Flügel liegt mehr als dass er steht im meerblau-schwarzen Raum, der das Wrack eines Schiffes sein könnte. Aber es gibt kein Schiff und auch keine Musik. Nur diesen einen Ton, den der Trompeter anschlägt und bald schon mit knittriger Folie abdeckt. Umständlich hantiert er mit der Plane. Dieses sperrige Teil macht ihm Mühe, so wie das Schnüren der ausgetretenen Schuhe und wie dieses Erinnern an etwas Einmaliges, nie mehr Wiederholbares. Gunnar Golkowski ist der Trompeter Tim Tooney, den die Müdigkeit in diese Szene hingeworfen hat. Ganz, ganz langsam, erhebt er sich und spürt die verhallten Klänge in seinem Kopf, erinnert sich des außergewöhnlichen Lebens eines Freundes, das ihm noch immer Rätsel aufgibt in jener vergangenen Einmaligkeit. In jener Stimmung des Novecento, der Zeit um 1900, als der spätere Ausnahmepianist als Kind armer Auswanderer auf dem Schiff „Virginian“ geboren ist, einem Ozeandampfer, der im II. Weltkrieg unterging.
Novecento, der autodidaktische Pianist, hat das Schiff mit seinem wechselnden Publikum nie verlassen. Er holte sich die Bilder der ganzen Welt auf den 88 Tasten seines Instuments und in seiner Phantasie hierher an Bord und ging mit diesem Schatz und den nie verhallenden Klängen des ewigen Jazz unter.
Kein einziges Mal blechert eine Trompete oder hämmert ein Klavier schräge Musik. Und doch ist der Klang irgendwie da in den bisweilen lähmend monotonen Gedankenschnüren dieses Tooney. Er vermischt die Fakten mit den Deutungen, das Erinnerte mit dem Vermuteten und zieht, immer wieder zweifelnd seine Schlüsse.
Golkowski hat sein Temperament für diese Rolle ganz begraben. Er sucht sich selbst, sucht sich in höchst introvertierter Manier, kaum gestisch agierend, auch nicht gedrängt durch Kleider- oder Möbelwechsel. Da ist der Raum, da das Klavier, da ist das Damals, das Novecento. Basta.
Ein großartiger Monolog des Max-Grünebaum-Preisträgers (2008), der seit 2002 in Cottbus spielt und über ein sehr weites Ausdrucks-Repertoire verfügt.
Die Cottbuserin Ulrike Müller inszenierte erstmals an ihrem Heimattheater, Hans-Holger Schmidt besorgte die Ausstattung. J. Heinrich
