Anmerkungen zu Fabians choreografischem Theater „Terra In Cognita“
Cottbus. Zuvor sei festgestellt: Dies ist kein Theaterstück. Ihm fehlt das Wichtigste – ein Textbuch. Das kann es auch nicht geben, denn selbst die Apostel sind an dem Projekt gescheitert, das ganze Weltenwerden in nur einem Buch unterzubringen. Jo Fabian will noch mehr: die komplette Menschheitsgeschichte vortragen. In drei Bildern. Und die dann auch noch schlüssig bewerten.
Nur ohne Textbuch lässt sich solch ein Plan riskieren. Fabian (Regie, Choreografie, Ausstattung,Video) entwirft ihn schwarz-weiß-rot und bedient sich jeglicher Medien. Die Schauspieler ließ er in eigener Inspiration in die (Un-)Tiefen der menschlichen Seele vordringen bis hin zum reversiblen Darwinismus. Sie werden, weil das ganze aufwendige Christentum scheitert, nicht nur zum Nazi und zivilen Judenverleumder, sondern gar zum Vieh – springen den Zuschauern als Affe auf den Schoß. Die Ausweglosigkeit erschlägt letztlich zwanzigminütiges Trommeldröhnen auf Ölfässern. Der IS übernimmt die Macht. Und begeistert. Verdammt!
Die Inszenierung, in der unglaublich viele Geschichten stecken, lässt sich auch der Reihe nach erzählen, weil sie, um den Zuschauern die Angst zu nehmen, in drei Etappen aufgeschichtet ist. In den beiden Pausen dazwischen wird den Leuten die Flucht nahegelegt – ein bisschen Brechtsche Koketterie. Fabian, der „zwanghaft sarkastische ausartende Denker“, wie ihn eine verzweifelte Rezensentin einmal charakterisierte, lässt auch das nicht aus.
Das erste Bild erinnert an eine Galeere, deren Ruder nach innen schlagen. Hans Petith hat für dieses Leidensbild einen Chorsatz komponiert, Lars Neugebauer schlägt den Takt der Ruder, unter denen sich Leiber aufbäumen.
Das eigentlich Unmögliche lässt Fabian dann in einem seitlich hinfahrenden Tapetenbild abrollen: die Abfolge der Katastrophen, die kein Heiland aufhielt. Die Prägungen zugleich, die Geschöpfe zeugten, wie sie nun doch noch von lebendigen Schauspielern vorgeführt werden. In einem Lazarett, wo sonst! Es gibt nur Krankhaftes, Jammerndes, Krakelendes, Blutendes, Manipulierendes, Gierendes in diesem Eisenbetten-Raum.
Ilona Raytman, Lisa Schützenberger, Michaela Winterstein, Michael von Bennigsen, Kai Börner, Rolf-Jürgen Gebert, Gunnar Golkowski, Thomas Harms, David Kramer, Boris Schwiebert und Axel Strothmann halten sich in dieser Arena auf und entfalten ganz erstaunliche Typen.Teils geschieht das überwiegend pantomimisch, teils erstaunlich dialogisch angesichts des völlig fehlenden Textes. Aber es bleibt Anarchie, und nicht einmal die ist geordnet. Es knallt mörderisch.
Im dritten Teil kann es sich nicht um Zukunft handeln. Schwarze Muskelmänner schlagen stur auf Ölfässer. Bleibt nach allem Chaos die Sehnsucht nach militärischem Drill? Bumm! Bumm! Bumm! Bumm! Bumm! Bumm! Das Ungeheuerliche geschieht. Auf Teile des Publikums springt die Ekstase über. Stehender Applaus, andere sitzen betreten. Unberührt bleibt keiner. Nicht verzagen! legt Chaplin von ferne tröstend nach.
Es stellen sich am Ende Fragen. Wollen wir Theater oder wollen wir Events? Auf einem nächtlichen Markt oder im Zirkuszelt hätte ein socher Fabian vielleicht weit mehr Zulauf. In der zweiten Vorstellung war das Theater schon nicht gut besucht.
Und: Was macht textloses Theater mit Schauspielern? Entwickelt sie das wirklich? J. Heinrich
