Neu ist das natürlich nicht. Nach Wahlen erklären sich in Deutschland die Parteien mehrheitlich zu Gewinnern, aber sie geben sich auch unzufrieden. Nicht mit sich, sondern mit den Wählern. So war es jetzt auch in NRW, dem bevölkerungsreichsten Land der Republik, das uns hier in Brandenburg und besonders in der Kohle-Lausitz viele Jahre lang als Vorbild hingestellt wurde. Journalisten waren 1990 und später eingeladen, sich die Wunder der Transformation im Westen anzuschauen, mit den glücklichen modifizierten Kumpels zu sprechen und dann daheim Zuversicht zu verbreiten. Das war alles etwas schwierig, und außer für Schalke, die Gelsenkirchener Fußballets, um die es jetzt auch nicht zum Besten steht, hat sich kaum jemand wirklich für NRW begeistert. Vielleicht außer die Führungsspitzen in unseren Rathäusern. Die mussten.
Heute muss sich die SPD eingestehen, dass sie besonders im Ruhrpott versagt hat. Man habe sich um Bürgergeld, statt um fleißige Leute, die früh aufstehen und zu Arbeit gehen, gekümmert, räumte Parteichef Klingbeil ein. Und auch den anderen Herren und manchen Damen aus der „demokratischen Mitte“ fällt auf, dass Unzufriedenheit kein Phänomen allein des undankbaren Ostens, sondern mehr und mehr auch der enttäuschten Menschen des Westens ist. Die verhalten sich nun so, wie sie es offenbar vom Osten hören: Sie suchen Halt bei der AfD. Die ist in Düsseldorf noch nicht als verfassungsfeindlich verrufen, sondern hat vielmehr in der Kommunalwahl ihren Stimmenanteil verdreifacht und schickt nun unter anderem in Gelsenkirchen einen OB-Kandidaten ins Stechen. Mit wenigen Erfolgschancen, gewiss. Aber es bleibt bei alledem die Frage zu beantworten: Warum, bei all den Möglichkeiten, die ein alles in allem doch noch starkes Land hat, breitet sich die Unzufriedenheit, messbar immer wieder bei Wahlen, so nachhaltig aus? Liegt es an diesen „Wunder-Geschichten“ von Transformation, die immer wieder neu erfunden und erzählt werden…? J.H.
