50 Jahre Forschungsstation „Georg Forster“ – Sonderbriefmarke würdigt Forschungsleistung.
Cottbus/Antarktis (MB). In diesem Jahr jähren sich viele Ereignisse zum 50. Mal – darunter auch ein besonderes Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte: die Errichtung der DDR-Forschungsstation „Georg Forster“ in der Antarktis. Aus diesem Anlass widmet das Bundeswirtschaftsministerium dem Jubiläum sogar eine eigene 180-Cent-Sonderbriefmarke mit einer Auflage von 1,3 Millionen Exemplaren.
Die DDR war dem Antarktisvertrag bereits 1974 beigetreten, die Bundesrepublik Deutschland folgte 1979. Die Forschungsaktivitäten der DDR begannen in der Schirmacheroase, einer eisfreien, felsigen Region mit zahlreichen Seen. Das Gebiet ist rund 25 Kilometer lang, bis zu drei Kilometer breit und beherbergt bis heute auch die russische Station „Nowolasarewskaja“ sowie die indische Station „Maitri“.
Auf 70°46’ Süd und 11°51’ Ost wurde die Station „Georg Forster“ 16 Jahre lang betrieben – mit Sommerexpeditionen und Überwinterungsteams. Es war bis dahin die längste kontinuierliche deutsche Forschungsgeschichte in der Antarktis. Untersucht wurden unter anderem Gletscher, Wetter, Geologie, Geophysik, Hydrologie, Biologie und Erdvermessung. Viele der gewonnenen Langzeitdaten sind bis heute wissenschaftlich wertvoll.
1996 endete die Geschichte der Station endgültig. Nach dem Rückbau erinnert heute nur noch eine kleine Bronzetafel am Fels der Schirmacheroase an den „Offiziellen historischen Platz Nr. 87“ der Antarktis.
Einer, der dieses besondere Kapitel hautnah miterlebte, ist Professor Gerold Noack aus Cottbus – bis heute wohl der einzige Lausitzer, der die Antarktis für längere Zeit bewohnte. Er war Mitglied des letzten Überwinterungsteams gemeinsam mit Thomas Schumann, Günter Schwarz und Volker Strecke.
Noack beschreibt die letzte Expedition als „Ambivalenz der letzten Überwinterung“ und zugleich als „Expedition der Superlative“. Ende Oktober 1990, nur wenige Wochen nach der Deutschen Einheit, begann die Reise. Lange war unklar, ob die Expedition überhaupt stattfinden würde. Von ursprünglich zehn vorbereiteten DDR-Wissenschaftlern blieben am Ende vier übrig – und sie kamen als Bundesbürger in der Antarktis an.
„Wir waren gleichzeitig am Startpunkt des geplanten Neubaus und am Startpunkt des Abrisses der Station“, erinnert sich Noack. Bereits geliefertes Baumaterial für einen Neubau war noch unterwegs, obwohl politisch längst entschieden war, dass Deutschland künftig nicht zwei Antarktisstationen betreiben würde. Als technische Neuerung begleitete die Forscher lediglich ein gebrauchter Computer der Baureihe 286. Dafür gab es reichlich Verpflegung – ein kleiner Luxus in der Eiswüste.
Trotz der unsicheren Zukunft hielten die vier Wissenschaftler an ihrer Arbeit fest. Sieben Tage pro Woche standen Messungen, Auswertungen und Fahrten ins Gelände auf dem Programm. Freizeit bedeutete vor allem gemeinsames Kaffeetrinken, wenn Wetter und Zeit es erlaubten – oft mit Kollegen der benachbarten sowjetischen und indischen Stationen. Die Station Nowolasarewskaja war 1,5 Kilometer entfernt, die indische Station Maitri mehr als fünf Kilometer.“ (Auf der sowjetischen und indischen Station überwinterten jeweils mehr als 20 Männer.)
Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine besondere Verbindung. „Wir erreichten wohl den höchsten Grad freundschaftlicher Zusammenarbeit in der Geschichte der Schirmacheroase“, sagt Noack. Gemeinsam mit den Stationsleitern der russischen und indischen Station verbrachte er 24 Stunden in einem abgelegenen Wohn- und Arbeitscontainer. Dort wurde über die Idee einer gemeinsamen internationalen Forschungsstation in der Schirmacheroase gesprochen.
Nach fast 35 Jahren blickt Noack mit gemischten Gefühlen zurück. „Ich erlebte 33 Jahre Diktatur des Proletariats, 33 Jahre Diktatur des Geldes – und genau dazwischen eineinhalb Jahre eine reine Menschzeit“, sagt er. Eine Zeit ohne Einkaufen, Fernsehen, Handy und ständige Erreichbarkeit. „Alles hatte seine Eigenzeit.“ Die Forscher erlebten eine Welt aus Eis, Stille und gewaltigen Naturkräften. Sie beobachteten Gletscherabbrüche und Veränderungen in der Landschaft – lange bevor der Begriff Klimawandel alltäglich wurde. Fast 2000 Kilometer Messfahrten auf den Traversen kreuz und quer über die Gletscher und Schelfeisflächen Antarktikas führten sie bis zu entfernten Gebirgsketten. Ein besonderes Andenken bleibt die Erstbesteigung des fast 3000 Meter hohen „Ritschergipfels“ durch Wieland Adler und Gerold Noack – scherzhaft „Adlerhorst“ genannt.
In der offiziellen Geschichtsschreibung sei das Team der letzten Überwinterung zwischen die Stühle geraten, sagt Noack: vorbereitet als DDR-Expedition, durchgeführt und finanziert aber bereits als deutsche Expedition nach der Vereinigung. Geblieben sind Erinnerungen, Bücher (schön bebilderte von Volker Strecke und „Antarktis, Abenteuer Wissenschaft, ein Lausitzer im ewigen Eis“) und die Hoffnung, die Begeisterung für Forschung und Abenteuer weiterzugeben. „Das Leben bleibt eine Entdeckungsreise“, sagt der Lausitzer Antarktisforscher und hofft, etwas Wissen und Begeisterung an seine drei Enkelkinder Niclas, Emily und Louisa weitergeben zu können. Besonders der Midwinterday am 21. Juni sei bis heute einer seiner wichtigsten Tage im Kalender.
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