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Kapitän ohne Bootsschein: Rüdiger Joswig über die Balance zwischen Fernsehendreh und Bühnensehnsucht

Rüdiger Joswig
Passionierter Pfeifenraucher und Genussmensch: Rüdiger Joswig im Künstlerstammtisch. In den 70ern begann er seine Karriere am Theater in unserer Stadt.

Cottbus (gg). Die Autogrammkarten, die Rüdiger Joswig am Montag im Künstlerstammtisch verteilte, zeigen ihn als Kapitän der „Albatros“ – seine Rolle als Kapitän Holger Ehlers in der ZDF-Serie „Küstenwache“ ist allgegenwärtig. Der geborene Anklamer bedient damit gern das Klischee, er hat kein Problem damit, sagt er, dass er für das deutsche Fernsehpublikum inzwischen der Bootskommissar ist. Allerdings will er sich die Chance auf andere Rollen offenhalten, ein Angebot für die Rolle des Traumschiff-Kapitäns lehnte er deswegen ab, zu sehr hätte ihm das den Stempel aufgedrückt, meint er heute. Bei seinen Erzählungen über Drehtermine in Afrika oder in der Karibik kommt er dennoch ins Schwärmen: „Unbeschreiblich schön, aber am eindrucksvollsten waren für mich die Dreharbeiten 1972 in Russland – solche Gastfreundschaft hab ich hinterher nicht mehr erlebt!“
Nicht alle guten Erinnerungen, also an seine Zeiten als DEFA-Star, sind verblasst, obwohl sie überschattet werden vom schmerzhaften Abschied. Nach über 30 erfolgreichen Filmen für DEFA und DFF verlässt Joswig 1987 die DDR per Ausreiseantrag. Und das, obwohl er jung noch ein glühender Kommunist war und bei Dreharbeiten in München aggressiv für die sozialistische Idee warb – nur deshalb durfte er wohl drüben drehen, nur deshalb flog er aber auch aus den Wirtshäusern der Bayernhauptstadt.
Nach seinem Wechsel nach Berlin-West schafft er den Sprung in die Schauspielerei wieder über die Arbeit beim Rundfunk und ohne Klinkenputzen. „Ich wollte ja unbedingt rüber – da war ich genügsam, hätte mich auch mit einer Kellerwohnung in Kreuzberg begnügt“, erzählt er. Die wurde es nicht – es wurde ein steile Karriere, die bis heute die Vorabendzuschauer des ZDF unterhält.
Nebenher hält er sich die Termine frei, an denen er auf der Bühne arbeiten will. Für eine Produktion mit seiner Ehefrau Claudia Wenzel zu einem erotischen Stück für zwei musste Kapitän Ehlers kürzlich ins Koma fallen. Auch für kommende Projekte werden sich die Produzenten etwas einfallen lassen müssen.
Die Theaterlandschaft interessiert ihn lebhaft, wissbegierig liest er die Kritiken über seine Cottbuser Ex-Kollegen in Berliner Zeitungen, hat aber auch Kritik: „In den Theatern muss ein Umdenken passieren – da fließt zu viel Geld für zu wenig wirkliche Theaterarbeit!“
Ein-zweimal im Jahr trifft man Joswig auch in Cottbus – Freundschaften aus den 80ern sind heute noch frisch, zum Beispiel mit Pianisten Hans-Wilfrid Schulze Margraf. Rebellisch wie einst intonierte er mit ihm am Montag Teile des Heine-Programms, mit dem er in schweren Zeiten des Berufsverbots durchs Land tourte.
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“, klingt es zuerst sanft bis dann die Lorelei Schiffer samt Kahn höchst dramatisch in den Untergang singt. Joswigs „Albatros“ hingegen wird deswegen noch lange nicht sinken.

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