
Anmerkungen zu Sebastian Hartmanns „Der Hauptmann von Köpenick“ zum Schauspiel-Auftakt.
Cottbus. Wir sahen nicht die Premiere am 20. September, sondern erst die Vorstellung am letzten Sonnabend. Durchs Städtchen geisterten längst enttäuschte Sprüche, und die sind auch verständlich. Wer sich fein zurecht gemacht hatte, um eine weitere Variante der Zuckmayer-Verfilmung mit Rühmann oder des prächtigen Freiluftspektakels im Kasernenhof mit Harms zu erleben, musste enttäuscht oder wenigstens stark verwundert sein. Hier gab es zwar einen Pappkopf-Rühmann, der als Star der Göbbelsfilmwelt die Zeit anzuhalten wünschte, aber EINEN Schuster Wilhelm Voigt eben nicht. Jeder der acht Darsteller war dieser Schuster und vielleicht fühlte sich mancher im Publikum auch so, denn die Akteure aus und vor dem Guckkasten sind durchaus gewillt, sich gemein zu machen mit all und jedem. Am Schluss wird eingeladen, in der Kantine einen zusammen zu heben und fortzuspielen oder zu diskutieren.
Also: „Der Hauptmann von Köpenick“ in Regie von Sebastian Hartmann, der Cottbuser Wurzeln hat und seit er hier weg ist, schon so manche Bühne erzittern ließ. Das brave Theater langweilt ihn, und er rüttelt heftig an den Stühlen so mancher Intendanzen, wurde und wird aber auch an Großen Häusern in Hamburg, Stuttgart, Leipzig, Wien – und jetzt auch Cottbus! – gefeiert.
Sein Metier ist das Schau-Spiel im besten Sinne – schauen, spielen, schauen. Hartmann, der auch das Bühnenbild verantwortet, hat den Sehringschen Tempel pappglatt gemacht und mit dieser riesigen Fassade den feinen Proszeniumsbogen abgedeckt. Was bleibt: DER DEUTSCHEN KUNST wirkt wie ein Aufschrei. Und laut geht es tatsächlich zu. Viel und leidenschaftlich wird gesprochen, meist ohne etwas zu sagen, wie man’s aus Fernsehtalks gewohnt ist. Atemlos hetzt das Spiel der Figuren, bisweilen wie von Federn mechanischer Spielzeuge getrieben im Guckkasten, scheitern Ausbrüche und gelingen Vormärsche. Herrlich gibt Markus Paul am ollen Klavier den Ton an, und irgendwie kommt immer wieder der Uniformrock zur Geltung. Ja, es ist die Reflektion eines gescheiterten und immer neu scheiternden Daseins im Dunst sinnleerer Regeln: Keine Papiere – keine Arbeit, keine Arbeit – keine Wohnung, keine Wohnung keine Papiere. Was soll einer machen, der ans Amt glaubt als Bürger?
Dieses Theaterstück hat nicht vor, eine Antwort für Wilhelm Voigt zu finden, aber es will auch nicht auf seine Kosten billig unterhalten. Die acht Figuren schließen keinen Komplott, sondern sind allein für sich und immerfort laut genug, dass der Eindruck entsteht, sie täten irgend etwas Produktives. Und so bleibt erfolgreich alles beim Alten. Wer sich darauf einlässt, ist begeistert von diesen vier Frauen und vier Männern, großartigen Komödianten, die hier spielen, wie man sich das aus altem Londoner Shakespeare-Theater vorstellt – atemlos und (sowieso) pausenlos fesselnd. Ausstattung (Clementine Pohl, Lili Marleen Grzimek) und Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki haben ihr Bestes hinzugegeben. Es gab für Torben Appel, Gunnar Golkowski, Benjamin Kühni, Charlotte Müller, Ariadne Pabst, Markus Paul und Charlie Schülke sehr lebhaften Beifall nach dieser tollen Vorstellung. J. Heinrich
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