Auf Wanderschaft zu Alfred Jahn / Enkel des stolzen Unternehmers erzählt / Enkel einer Liebesgeschichte
Aus erster Hand haben wir diesmal Details zu unserem Rätselbild erhalten. Dietmar Jahn erzählte am Telefon: „Auf dem Bild ist die Pantoffelfabrik meines Großvaters Alfred Jahn zu sehen. Sie befand sich am Gutenbergplatz/Ecke Mühlenstraße. Ich habe die Originalpostkarte in meiner Sammlung, sie ist von einem Breslauer Postkartenverlag herausgegeben worden. Auf dem Foto sieht man oben am Fenster meine Großmutter mit meinem Vater und meiner Tante herausschauen. Ich denke, dass mein Vater hier etwa fünf Jahre alt ist, also müsste das Bild 1918/19 gemacht worden sein. Das Haus links ist im zweiten Weltkrieg zerstört worden. Dort befand sich das Katholische Pfarramt, und das Haus mit dem Giebel gehörte Frau Pietsch. Hinten sieht man einen Schornstein zur Fabrik Sparschuh, der steht noch, aber alle anderen Häuser dort sind nicht mehr da. Rechts neben der Pantoffelfabrik hatte ich einen Farbenladen. Auf dem Bild sieht man ganz rechts meinen Großvater, der stolz mit seinen Angestellten vor seiner Fabrik steht.“
Horst Hauschke ergänzt: „Die Pantoffelfabrik von Alfred Jahn kenne ich, weil mein Vater auch Schuhmacher war, und da gab es öfters mal etwas bei seinem Innungskollegen am Gutenbergplatz zu holen oder hinzubringen. Wir haben auch Besohlanstalt dazu gesagt. Das war vor und während des Krieges. Später hat Alfred Jahn das Unternehmen aufgegeben. Aber noch nach der Wende hat sein Enkel hier einen Farbenladen gehabt. Daran kann ich mich natürlich noch gut erinnern.“
Auch Manfred Meier erkannte das Haus wieder. Er mailte uns: „Das Bild zeigt ein Haus, das immer noch an der gleichen Stelle in der Mühlenstraße 41 steht. An der Fassade ist der Name Jahn noch zu erkennen, allerdings in Verbindung als Farbenhaus. Das linke Gebäude gibt es auch noch, jedoch in sehr schlechtem Zustand. Es beherbergte eine Gaststätte, die von den Forstern ‘Hitlereiche’ genannt wurde. Zu ihr gelangte man über die Salzgasse, die heute eine Sackgasse ist und am altersgerechten Block am Kegeldamm endet.“
Von Gerda Henschel erfahren wir: „Diese Straße, eigentlich eine kleine Krümme, befindet sich in der Mühlenstraße rechterseits ca 100 Meter vor der Langen Brücke, die früher nach Berge führte.
Für mich hat die Schuhmacherei Alfred Jahn eine besondere Bedeutung. Ein junger Mann lernte in einem kleinen Dorf in der Sächsischen Schweiz den Beruf des Schuhmachers. Er wurde nach der Lehre nicht im Geschäft seines Lehrherrn eingestellt. So ging er auf Wanderschaft und kam über Dresden und Großenhain nach Cottbus, wo ein Bruder seiner Mutter wohnte. Schließlich fand er in Forst bei Alfred Jahn eine Anstellung. Damals wohnte er in einer einfachen Pension, wie sie für Handwerksburschen angeboten wurde.
In unmittelbarer Nähe seiner Arbeitsstelle befand sich die Weißnäherei Germanus. Dort arbeitete ein junges Mädchen. Die beiden lernten sich kennen, lieben und heirateten im Frühjahr 1930 – sie bekamen vier Kinder, ich bin das Jüngste.
Unsere Familie wohnte bis zum Februar 1945 in Berge, und ich war erst acht Monate alt, als meine Mutter mit uns den Stadtteil verlassen musste.
Meinen Eltern war es nie vergönnt, noch einmal zurückzukehren, was besonders schlimm war, weil ihr einziger Sohn, der durch einen tragischen Unfall 1940 verstorben war, dort begraben liegt.“
Zu dem Haus unseres Rätselbildes schreibt uns Herbert Gottschalk: „Die Besohlanstalt ist in den 30er Jahren in das Nachbarhaus gezogen. Die enge Mühlenstraße hatte eine Länge von rund 200 Metern und ging von der Kreuzung Rüdigerstraße/Mühlenstraße bis zum Gutenbergplatz. In jedem Haus waren kleine Geschäfte zu finden. Diese Straße wurde im Februar 1945 vollständig vernichtet.“
Forst. Pantoffelfabrik Alfred Jahn am Gutenbergplatz

