Das Haus des letzten Zigarrenmachers / Dampfbäckerei bot leckere Kümmelbrötchen an / Frisör wurde zum Konsum und Fahrradwerkstatt
Zahlreiche Zuschriften erreichten uns zum Rätselbild von Gerhard Gunia. Eva Kuchling erzählte am Telefon: „Zu sehen ist ganz rechts die Alte Poststraße 13 und weitere aufsteigende Nummern. Das Haus ganz links war früher die Dampfbäckerei Krause. Neben der Bäckerstube gab es hier auch ein Geschäft. Auf dem Foto ist es aber schon umgebaut. Es kaufte später der ‘Schweinewirt’. Der Mann züchtete Schweine, daher der recht unhöfliche Name. Dahinter war schon immer eine freie Fläche, und weiter folgte die Achenbachbrücke.
Das Haus in der Mitte gehörte Familie Kurze, sie hatte eine behinderte Tochter. Das Wohnhaus wurde als solches schon während des Krieges wegen Baufälligkeit gesperrt. Deshalb wohnte die Familie im Anbau dahinter. Meine Großeltern erzählten mir oft, dass es im Erdgeschoss ein kleines Zigarrettengeschäft gab. Deutlich ist die Tür zwischen den drei Fenstern zu erkennen. Frau Kurze ist später mit ihrer Tochter in ein Evangelisches Heim nach Frankfurt gezogen.
Rechts das Haus gehörte dem Kaufmann Röschen. Das einzelne Fenster im Erdgeschoss gehört zum ehemaligen Herrenfrisör Fritz Schulz. Er betrieb das Geschäft bis zum Kriegsende, danach wurde das Geschäft zur Wohnung umgebaut. Im Hinterhaus wohnten meine Großeltern, Großonkel und -tante.“
Christian Dulitz mailte uns seine Kindheitserinnerungen: „Das Bild ist aufgenommen worden in der Cyrankiewiczstraße, einige Zeit nach dem Sommer 1968 und zeigt eine Häuserzeile zwischen Hohms Gasse und der ehemaligen Dampfbäckerei Krause.
Am rechten Bildrand ist ein Fenster zu sehen, dass ehemals in der gesamten sichtbaren Grösse das Schaufenster des Frisörgeschäftes Schulz war. Ich habe im Sommer 1968 im Auftrage selbst Hand angelegt, den Rahmen des Schaufensters zu entfernen. Frau Schulz hat das Geschäft als Witwe bis etwa 1965 geführt. Der sehr einfache Salon, in dem ausschließlich Männer und Kinder frisiert wurden, war Bestandteil des Mehrfamilien-Wohnhauses der Familie und Kaufmannes Röschen. Hier befand sich der Konsum, geführt von Frau Heinze, der Tochter der Familie Röschen.
Später hatte Herr Lieske in den Räumen des Konsums sein Fahrradreparaturgeschäft. Im Haus befand sich auch eine Kalt-Wäschemangel (Rolle).
Links neben dem Fenster ist das älteste Haus im damaligen ‘Rest’-Guben zu sehen, das Haus des Zigarrenmachers Kurt. Er lebte dort mit seiner Frau bis zu seinem Tode, mit seiner behinderten Tochter Christel und seiner Schwester oder Schwägerin, die uns als ‘Tante Marie’ und nicht anders bekannt war. Die Mauer war ein beliebtes Kletterziel für Kinder, und Christel fragten wir früh bis abends: ‘Wie spät ist es?’. Sie hat die Uhrzeit immer gewusst, ihr ständiger Sitzplatz war am oberen großen Giebelfenster.
Weiter links im Bilde ist die Vorderfront der ehemaligen Dampfbäckerei Krause zu sehen. Hinter den Bäumen ist die ehemalige Dampfleitung zur Uferstrasse erkennbar. Das Bäckereigeschäft musste wegen frühzeitigem Tod von Herrn Rieger, dem Schwiegersohn und des hohen Alters von Herrn Krause um 1960 (?) schließen.
Ein späterer Inhaber hat das Backen nie richtig beherrscht und schloss bald wieder das Geschäft. Die Ladenfront der Bäckerei umfassten die ersten drei links sichtbaren Fenster des Hauses. Die Bäckerei bot wunderbar herzhafte Kümmelbrötchen ständig zum Verkauf an. Keine Bäckerei in Guben führt heute überhaupt noch Kümmelbrötchen. Eventuell gibt es mal peinliche Imitate auf Bestellung.
Links erkennbar ist ebenfalls die Einfahrt für die Kohlenfahrzeuge zur Bäckerei. Der Weg endete unmittelbar an der Neißeböschung. Eine Umfahrung bis zu Hohms war bis etwa 1960 nicht vorhanden, unmöglich. Erdaufschüttungen haben erst viel später einen sehr breiten Fahrweg geschaffen. Mit diesem nützlichen Weg für einige Anwohner wurde aber gleichzeitig das Neißebett harsch verengt und der heute aktuellen Hochwassergefahr ein Weg bereitet.“
Ursula Slupina bestätigt diese Lösungen und ergänzt in ihrer Mail: „In der Nr. 17 habe ich während meiner Kindheit mehrere Jahre gewohnt. Das Haus gehört der Familie Röschen. Die Tochter, Frau Heinze, wohnt heute noch in ihrem Elternhaus. Die Backstube der Bäckerei Krause war in einem Seitengebäude im Hof untergebracht. Dort wohnten auch die Gesellen.“
Hertha Wenske weiß über das Grundstück mit dem Fachwerkbau zu berichten: „Ich kann mich erinnern, dass auf dem Hof ein großer Nussbraum stand.
Die Achenbachbrücke benutzten wir, um zur ‘Grünen Wiese’ zu gelangen.
Auf der linken Seite, nicht auf dem Bild zu sehen, befand sich die Firma Reißner, später Gubener Wolle, Werk III, mit der Lehrwerkstatt.“
Historisches fand Wolfgang Donat heraus. Er schreibt: „Ab 1949 hieß die Alte Poststraße kurzzeitig Cyrankiewcz-Straße. In dieser Straße befand sich um 1800 in der Nummer 5 die alte Post, die der Straße ihren Namen gab.
Auf dem freien Gelände hinter der Bäckerei von Max Krause befand sich noch nach 1945 ein interssantes Objekt, ein Pissoir, und an der Achenbachbrücke eine Litfaßsäule.“
Familie Koschack schreibt uns: „1957 übernahm sein Schwiegersohn Rudolf Rieger die Bäckerei – er verstarb aber schon 6 Monate später. 1959 musste die Bäckerei geschlossen werden, weil sich kein weiterer Nachfolger fand. 1960 wurde der Laden zu einem Wohnraum umgebaut (die Fenster sind ganz links auf dem Foto zu sehen). Dort befanden sich zuvor Ladeneingang und Schaufenster. Von 1959 bis 1962 wohnten meine Schwiegereltern in diesem Hause. Mein Mann und ich wohnten kurze Zeit bis zur Geburt unseres Sohnes auch dort. Es war unsere erste gemeinsame Stube. Die Höfe der 3 Häuser gehen fast bis an das Neiße-ufer. Neben der Nr. 19 befand sich vor dem Krieg der Weg über die Achenbachbrücke und –straße bis hin zur Grünen Wiese. Der zweite Ehemann der Tochter von Max Krause war Masseur. Er eröffnete im Haus kurzzeitig bis 1975 einen Massagesalon – das Schild zwischen dem 1. und 2. Fenster zeigt dies an. Also entstand das Foto zu dieser Zeit. Über den Fenstern sieht man auch noch einen erhabenen Schriftzug im Mauerwerk. Er lautet: ‘Erste Gubener Dampfbäckerei von Max Krause’. Der neue Eigentümer, Familie Brachazeck, bewohnt seit 1974 das Haus.“
Gerhard Gunia ergänzt zu seinem Rätselbild, dass Rudolf Kurth der letzte Zigarrenmacher der Stadt war. 1891 soll es noch 25 Zigarrenmacher gegeben haben. Hölzerne Zigarrenmacher-Formen sind im Museum Sprucker Mühle zu sehen.
Guben. Alte Poststraße um 1968

