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Wilfried Donat schildert am Telefon: „Es handelt sich um einen Blick von Schreibers Wiesen in den Gubener Bergen. Der Blick geht über den Hindenburgplatz, die Lubst, den Ammenplatz zur Stadtkirche. Die Häuserfront mit dem Finanzamt (links) steht im Kastaniengraben. Etwa 50 Meter rechts vom großen Wohnhaus befand sich in der Nummer 16 die Syna-goge, die sieht man zwar auf dem Foto nicht, sollte aber an dieser Stelle erwähnt werden. Sie wurde in der Pogromnacht am 9. November 1938 durch Brandlegung zerstört. An ihrem Platz befindet sich seit 1998 ein Gedenkstein und drei Schrifttafeln in hebräisch, polnisch und deutsch.“
Horst Schwitzky bestätigt die Lösung und ergänzt am Telefon: „Mein Zuhause war drei Häuser links neben dem Finanzamt. Der Hindenburgplatz war in meiner Jugend eine Art Spielplatzgelände. Den Platz vor dem Finanzamt nannten wir Amtsplatz, da sich dort Behörden befanden.“
Annett Lücht mailte uns: „Früher hießen sowohl der Kastanien- als auch der Lindengraben nicht Graben sondern Promenade. Entstanden sind sie als solche auf dem Erdwall, der den 16 Meter breiten Stadtgraben umgab. Mit der Auffüllung des Stadtgrabenbettes begann man ungefähr im Jahre 1840. Die Grabenwälle wurden dann mit Kastanien bzw. Linden bepflanzt, daher bekamen die beiden Promenaden ihre Namen.
Sie waren lange Zeit wunderschöne schattige Fußgängerpromenaden und für den Fahrzeugverkehr gesperrt. 1898 wurde der Lindengraben gepflastert und für den Verkehr freigegeben, und 1910 geschah dies für den Kastaniengraben.
Zu dem hinter der Lubst liegenden Ammenplatz schrieb Karl Gander in seiner ‘Plauderei’ über ‘Die Gubener Straßennamen’: Der Ammenplatz ‘entstand in den Jahren 1857-1859, als unter Bürgermeister Ahlemann die Lubst zwischen Werder- und Crossener Tor gerade gelegt wurde. Er ist ehemaliges Lubstbett, das etwas aufgefüllt und mit Bäumen bepflanzt und mit Ruhebänken versehen wurde. Auf diesen saßen in der schönen Jahreszeit vornehmlich Kindermädchen und die früher nicht so seltenen Ammen, die ihr Geselligkeits- und Unterhaltungstrieb mit ihren kleinen Karossen dort immer wieder zusammenführte. Bald hieß der Ort nur der Ammenplatz, ein Name, den der Volksmund gebildet hat.’
Der dahinter liegende Kastaniengraben selbst war weniger eine Geschäfts- sondern eher eine Wohnstraße. In dem Gebäude gegenüber dem Ammenplatz befand sich das Gubener Finanzamt. Vorher war es das Restaurant ‘Gesellschaftshaus’, welches vor dem Bau des Gubener Stadttheaters (1874) viele Jahre den Gubenern als Theaterersatz diente.
Auf der rechten Seite vom Ammenplatz, Kastaniengraben 16, in Richtung Königstraße befand sich die Gubener Synagoge.
Links vom Ammenplatz, Kastaniengraben 9, wohnte der 1902 in Guben geborene Lehrer und Tierschriftsteller Kurt Knaak. Er war Volksschullehrer an der Sandschule und schrieb bereits vor dem Krieg in jungen Jahren zahlreiche Tierbücher für Kinder. Nach dem Krieg war er Schulleiter in Göttingen. Bis zu seinem Tode 1976 erschienen von ihm über 130 Bücher mit einer Auflage von rund vier Millionen Exemplaren in mehreren Verlagen. Viele Ehrungen sind ihm zuteil geworden. So erhielt er unter anderem die Niedersächsische Landesmedaille und mehrere Literaturpreise.
Zum Schluss möchte ich zu dieser Bilderreihe noch anmerken, dass ich mich gerade besonders auf die Berichte zu den alten Bildern vor 1945 in Ihrer Zeitung freue. Schade finde ich allerdings nur, dass sich gerade in letzter Zeit die älteren Gubener, die oft noch eigene und persönliche Erinnerungen und Erlebnisse an diese Zeit haben, so wenig zu Wort melden. Vielleicht kann man sie einfach nochmals ermuntern, ihre Erinnerungen nicht nur für sich zu behalten.“
Bärbel Koschack ergänzt in ihrem Brief: „Das einstige Finanzamt ist heute ein Hotel. Schon 1965, als unsere Familie das erste Mal nach dem Krieg Gubin besuchte, erfuhr ich von meinem Vater von der Existenz des Finanzamtes. Beim Spaziergang erzählte er mir, dass er in den Jahren seiner Selbstständigkeit sein Geld zum Finanzamt gebracht hat.
Die Schreiberschen Wiesen waren 1911 von der Stadt gekauft worden. 1913 wurde dann ein städtischer Sportplatz darauf errichtet. Es wurde eine Stätte von Veranstaltungen von Turn- und Sportvereinen, für Kundgebungen von Parteien und Verbänden. Im Winter wurde eine Eisbahn errichtet und vom angrenzenden Hang führte eine Rodelbahn hinab. Im Rücken des Fotografen, auf dem Berghang, lag das Restaurant ‘Friedrichshöhe’ und die Genossenschaftsbrauerei. 1933 wurde der Sportplatz in Hindenburgplatz umbenannt. Dann fanden auch Paraden und Reichsjugendwettkämpfe statt. Heute ist dieser Platz nach dem polnischen Herzog Boleslaw I. Chrobry benannt, es ist eine gepflegte Anlage. Ältere Gubener sprechen immer noch von Schreibers Wiesen.“
An die Lokale und den Rodelberg erinnert sich selbst noch Erika Haupt. In altdeutscher Schrift schreibt sie: „Rechts vom Rodelberg führte ein steiler Weg hinauf zum Lubstberg zu einem der vielen Berglokale, der Friedrichshöhe.
Auf dem Ammenplatz haben wohl früher die von reichen Leuten gemieteten Ammen, bevor die Säuglingsnahrung erfunden wurde, mit den Kinderwagen auf den Bänken gesessen. Die Straße davor war der Kastaniengraben, mit schönen Häusern bebaut.
Rechts neben dem Finanzamt führte die Colbestraße in Richtung Königstraße, weiter zum Marktplatz mit dem imposanten Bau der Stadt- und Hauptkirche. Letztmalig habe ich dieses herrliche Bauwerk bewusst unversehrt am Silvesterabend 1944 bewundert mit der bangen Frage, was das Schicksalsjahr 1945 wohl bringen würde. Es brachte dann auch den Anfang vom Ende mit der teilweisen Zerstörung der schönen Stadt.“
Ilse Jäschke endeckte auf dem Foto: „Da sieht man auf dem Rasen ein paar Kinder spielen. Dieses Stück gehört zu den Schreiberschen Wiesen. Später hieß er Bismarckplatz. Da feiern die Polen auch heute noch ihre Veranstaltungen.“
Guben: Schreibersche Wiesen

