Website-Icon Nachrichten aus Südbrandenburg

Reisebericht: Der Romantik-Freiherr

Teil 5: Wir sind der Oder von der Quelle in den mährischen Bergen bis Ratibor gefolgt. Hier wird der deutsche Romantik-Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff geehrt. Er ist ganz in der Nähe an der Oder geboren.

So halten sich die Lubowitzer ihren jungen Freiherrn von Eichendorff in Erinnerung.

Wir erreichen nach etwa zehn Kilometern auf ruhiger Nebenstraße Lubowitz / Lubowice. Das zweisprachige Ortsschild (polnisch/deutsch) wurde im September 2008 feierlich enthüllt, und damit war der Eichendorff-Ort der erste im polnischen Schlesien, der wieder seinen deutschen Namen trug. Zahlreiche in der Umgebung von Oppeln folgten. Dabei gab es um 1900 schon nur noch weniger als zehn Prozent deutschsprachige Leute im katholischen Dorf. Nur im Gutsbezirk war die Mehrheit deutsch und evangelisch.

Das Gutshaus von Vater Eichendorff; später wurde es protzig im Tudorstil überbaut.

42 Jahre nachdem die Gegend 1742 von Habsburg an Preußen gefallen war, hatte Adolf von Eichendorff seine ererbten Familiengüter verkauft und Lubowitz erworben. Er schuf hier ein mittleres Landgut und hatte mit Marie Eleonore sieben Kinder. Nur drei wurden erwachsen: Wilhelm, Joseph und Luise. Der Vater hatte wenig Glück im Leben, verspekulierte sich in Immobilien-Transaktionen und verlor so auch Lubowitz, das Heimatgut seiner Kinder. Josephs Bruder Wilhelm notierte 1817 Erinnerungen an den Vater, der fünf Jahre später starb: „Papa saß wie gewöhnlich auf der Gartenbank im Lusthause und betrachtete die Schiffe, die mit vollen Segeln ihren Lauf nach Ratibor richteten. Die Luft webte feine Schleier um die Karpaten und die Sonne leuchtete wunderbar in die weite herbstliche Landschaft. Ein Blick aus alter Zeit schlug in das hoffnungslose Herz.“

Eichendorff-Büste vor dem Hintergrund der neuen Kirche.

Das Stimmungsbild erfasst die Landschaft: Links vom Fluss erhebt sich ein Hügel aus flacher Weite. Die Oder, gerade nordwärts von Ratibor kommend, schlägt einen Halbkreis-Bogen um die Anhöhe mit dem Gut, das die Anwohner „Schloss“ nannten. Den weiten Blick verstellt heute hoher Wildwuchs und die Ruine hat nur noch wenige Mauerteile vom Eichendorffschen Gut. Es ist von Nachfolgern wuchtig überbaut und mit Tudor-Türmchen versehen worden. 1945 verschanzte sich dort eine Wehrmachtgruppierung, und so wurde der Bau als Ziel russisch-ukrainischer Artillerie schwer getroffen. Als Literaturfreunde Jahrzehnte später den Geburtsort des Romantikers Joseph von Eichendorf suchten, fanden sie im dichten Wildwuchs zunächst nicht einmal die Mauerreste. Heute ist der Autor so vieler inniger Gedichte und Lieder hier lebendiger als irgendein Dichter – abgesehen vom klassischen Weimar –sonst an einem deutschen Ort.

Die beruhigte Oder schlägt still einen weiten Bogen um die Stadt, die ihren Namen trägt.

Unterstützt von deutschen Förderern und Geldgebern, haben Mitglieder des Lubowitzer Eichendorff-Vereins um Leonard Wochnik (1934-2010) die Umgebung der Schlossruine aufgeräumt und den berühmten „Hasenweg“ aus Eichendorffs überlieferten Erinnerungen freigelegt. Dem Wanderer begegnen hier an Baumtafeln überall Zitate und Gedichte, meist ergänzt um schöne Nachdichtungen in polnischer Sprache.

Nur wenig ist geblieben vom Geburtshaus des Romantikers.

Auf dem Dorffriedhof, wo früher eine hölzerne Kirche stand, sind die Familiengrabstätten erneuert worden, und in der alten Schule entstand, wesentlich mitfinanziert von Fernsehmoderator Thomas Gottschalk, dessen Eltern Schlesier waren, eine Gedenkstätte für Eichendorff und andere schlesische Dichter, wie zum Beispiel Gerhart Hauptmann, Christa Wolf, Heinrich Laube und andere. Inzwischen gibt es eine Stiftung Oberschlesisches Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum mit modernem Konferenz- und Gästehaus, das zehnmal jährlich von Grundschülern zu Wochenkursen als Landschulheim genutzt wird. Im Sommer 2000 ist es mit Entertainer Gottschalk als Überraschungsgast eingeweiht worden. Bis zum Friedhof, zur alten Schule und und zu den historischen Dichterorten, darunter eine markante Eiche, die schon zu Dichters Zeiten ihren Schatten spendete, sind es von hier jeweils nur wenige Gehminuten.

Abschied. Im Walde bei L. (Lubowitz)

Die Oder, etwa 700 Meter entfernt, lässt sich vom Podest am Ende des Hasenwegs nur ahnen.
Wir aber kommen ihr schnell wieder näher auf dem Weg nach Opole, wo Ausflugsschiffe zu Fahrten auf dem Fluss einladen und Anlieger in schlesisch-deutschem Dialekt vom Hochwasser erzählen.

Nächste Folge: Universität an der Oder

Weitere Beiträge aus unserer Region finden Sie hier!

Die mobile Version verlassen