Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die Zeitungen und Nachrichtenkanäle. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Wir erlebten die Ostertage in Armenien und entdeckten Naturwunder im Kaukasus. (IV)
Nur eine Autostunde entfernt von Jerewan liegt auf fast 2000 Meter der höchste eurasische Hochgebirgssee – der Sewansee. Kein ideales Badewässer, doch ein Natur- und ein kulturhistorisches Wunder. Wir waren dort.
Auf dem Grund des Hochgebirgssees fanden sich 3.600 Jahre alte Wagen.
Von Petra & Jürgen HEINRICH
Nur eine Autostunde entfernt von Jerewan liegt auf fast 2000 Meter der höchste eurasische Hochgebirgssee – der Sewansee. Kein ideales Badewässer, doch ein Natur- und ein kulturhistorisches Wunder. Wir waren dort.
Es lohnt sich, etwas Zeit zu investieren und statt der Schnellstraße die Wege durch die Provinz Kotajk zu wählen. Hier im Herzen des Landes steigen die Berge und Vulkankegel bis 3.500 Meter auf. Hirten durchstreifen mit ihren Schafherden das baumlose Land, in dem die armenischen Herrscher der Antike die Sommerfrische suchten und später Mönche die Einsamkeit fanden. Zwischen kleinen Flüssen blühen in den Gärten die Aprikosenhaine, Tabak wird angebaut und Geflügelfarmen betrieben. Am Berg Teghenis schaukeln sogar moderne italienische Lifte eines Wintersportzentrums, in dem einst die sowjetischen Sportler für die Winterspiele in Calgarei (1988) trainierten. Damals waren’s noch russische Gondeln, aber jetzt will anspruchsvoller Sporttourismus das Beste. Das scheint zu klappen, aber ein Stück weiter an den Seeufern hält sich die Lust auf Sommertourismus in Grenzen.
Die großen Ferienanlagen aus Sowjetzeit haben auch den Inversoren der Neuzeit wenig Glück gebracht. Sie stehen leer; es ist zu kalt hier. Erst im Spätsommer erreicht der riesige See, fast zweieinhalbmal so groß wie der Bodensee, Badetemperatur, und da kommen auch Segelsport und Surfing nicht recht zum Zuge. Früher, als der Sewansee noch viel größer war, entstand auf seiner Insel an der Nordseite ein Kloster zur Buße für abtrünnige Mönche – so rau und abweisend war die Gegend.
Die Rote Zeit spielte dem See übel mit. Rücksichtslos wurde das scheinbar unerschöpfliche Wasser für die Landwirtschaft und zum Antrieb von Turbinen genutzt, bis mehr als 40 Prozent des Volumens aufgebraucht waren und der Wasserspiegel um 20 Meter gesunken war. Die Insel bekam Anschluss ans Land und wurde zur Halbinsel, vom Kloster oben blieben nur zwei Kirchen und ein paar Grundmauern. Die größte Freude hatten weltweit interessierte Archäologen, denn mit dem Rückgang der Uferlinie wurden Schätze im Boden frei. Während in den Bergen rundum Baukunst und aussagestarke Keilschriftplatten aus dem uratäischen Reich (9. Jh. v. Chr.) gefunden wurden, gab der See einen ganzen Friedhof mit 800 Gräbern frei und als Zeugnisse bronzezeitlichen Fahrzeugbaus zwei vierrädrige Leichenwagen ganz aus Eichenholz. In ihnen wurden Fürsten bestattet. Das Exemplar, das heute im Jerewaner Nationalmuseum bestaunt wird, ist eingehenden Expertengutachten zufolge 3.600 Jahre alt und damit der weltweit älteste noch funktionstüchtige Wagen.
Ebenso erstaunlich ist das Bronzemodell eines geozentrischen Sonnensystems, das unten die Erde mit einem Wasser- und einem atmosphärischen Ring und ganz oben die Sonne zeigt, dazwischen Mars, Jupiter, Venus, Saturn, Merkur und Mond – die schon damals – im 12. Jahrhundert v. Chr. – gut sichtbaren Gestirne.
Diese Schätze sind im Museum zu bewundern. Die anderen schwimmen zum Glück noch (oder wieder) im riesigen See: Als endemische Fischart ist die Sewan-Forelle eine wahre Delikatesse. Sie erreicht eine Länge bis zu 90 cm und bringt 15 kg auf die Waage. Ihr freier Bestand ist, weil Laichräuber eingesetzt wurden, bedroht, aber sie wird heute gezüchtet. Frisch geräuchert ein Hochgenuss!
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