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Aschenbrödel: Ganz im Hier und Heute und doch ein Märchen

Anmerkungen zum Ballett „Aschenbrödel” von Xenia Wiest zu Musik von Sergej S. Prokofjew.

Aschenbrödel (Kate Farley) und ihr „Junger Mann“ (Jorge Conceptión Leal). Foto: Bernd Schönberger

Cottbus. Bewundernd und begeistert ist es aufgenommen worden, dieses erste Ballett der Spielzeit: „Aschenbrödel“ zur Livemusik des Sinfonischen Orchesters unter GMD Alexander Merzyn  von Sergej S. Prokofjew als choreografische Uraufführung der international gefeierten Xenia Wiest.  Lyrische Süße und Witz begegnen sich in der wunderbaren Musik des geborenen Ukrainers Prokofjew, einem gern als „russischer Bauernsohn“ bezeichneten Tonmeisters, der sein Profil in Jahrzehnten als Pianist und Dirigent in Japan, Amerika und Westeuropa formte. Erst Anfang der 1930er Jahre kehrte er in die Sowjetunion zurück, wurde hier gefeiert und schrieb 1945 dieses Ballett „Soluschka“, zu Deutsch „Aschenbrödel“ (Cottbuser erinnern sich noch an „Die Liebe zu den drei Orangen“ von Prokofjew aus den Spielzeiten 2024/25).

Hiesiger ballettbegeisterter Theateranhang fühlt sich seit Jahren verwöhnt und erlebte nun ein wahrlich märchenhaftes Fest zugleich klassischen und modernen Tanzes in der Handschrift von Xenia Wiest. Die in Moskau geborene Choreografin war zuletzt Ballett-Direktorin am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, ist in Stuttgart ausgebildet worden, tanzte unter anderem im Staatsballett Berlin und in Hannover, choreografiert seit 20 Jahren und fand nach Arbeiten in Dortmund, Lyon, Bordeaux und Tokio nun nach Cottbus. Einschließlich Gästen stehen ihr hier 16 hochbegabte und motivierte Tänzer und Tänzerinnen zur Verfügung, die mit hohem Tempo, großer Gefühlstiefe und durchaus auch etwas melancholisch die Geschichte vom Aschenbrödel neu erzählen. Dem zunächst unglücklichen Mädchen, das seine Eltern verliert und nur zwei Puppen zum Kuscheln behält, die ihr die böse Tante zerstört, träumt nicht vom „Aufstieg“ zu einem Prinzen, sondern kommt einigermaßen mit Stiefbruder und -schwester zurecht und findet in Liebe zu einem „Jungen Mann“, dem schnell verliebten Georg, der sie dann mit dem beim Ball vergessenen Schuh sucht und findet. Köstlich, die tänzelnden 15 Beinpaare hinterm nicht ganz herabgelassenen Vorhang! Klar, auf die Füße vor allem kommt es an im Ballett. Sie tanzen hier Spitze oder auch barfuß, aber mehr als sonst sprechen bei Xenia Wiest auch Hände, Arme, Oberkörper. So begegnen dem Publikum wortlos sprechende Charaktere – einfach märchenhaft. Besonders originell im romantischen Bühnenbild die bewegten Erzähl-Zeichnungen (Sofia Villarreal), auch die legeren oder Täubchen weißen  Kostüme von Melanie Jane Frost.
Als immer freundliches Aschenbrödel tanzt die Premiere Kate Farley (alternierend Rachele Rossi, Clara Dufay), Jorge Concepción Leal (Leigh Alderson, Tibor Perthel) ist der junge Mann, ein doch sehr bodenhaftender Überflieger. Als Stiefgeschwister wirbelten Clara Dufay und Taro Yamada um die überforderte Mama-Tante  (Annalisa Piccolo). Sie und alle Übrigen wurden am Ende zu Recht bejubelt für diese unvergessliche Märchenstunde. Der Jubel galt selbstverständlich gleichermaß GMD Alexander Merzyn und seinem Orchester, die das anspruchsvolle Prokofjewsche Klangfundament für den bezaubernden Tanz schufen.  „Aschenbrödel“ steht wieder diesen Freitag (14.11.), dann am 7., 14., 20., 22., 25., und 27. Dezember im Spielplan. Es empfiehlt sich, Karten rechtzeitig zu besorgen, vielleicht als einzigartiges Weihnachtsgeschenk aus Cottbus!
J. Heinrich   
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