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Nabucco-Interpretation in Cottbus

Großartige Simmen, ergreifende Bühnenpräsenz: Andreas Jäpel als Nabucco und die russische Sopranistin Tatiana Trenogina als seine Tochter Abigaille Foto: Bernd Schönberger
Großartige Simmen, ergreifende Bühnenpräsenz: Andreas Jäpel als Nabucco und die russische Sopranistin Tatiana Trenogina als seine Tochter Abigaille Foto: Bernd Schönberger

Vom heißen Babylon ins permfrostige Sibirien
Verdis „Flieg, Gedanke…“ in „Nabucco berührt zutiefst / Anmerkungen zur Petras-Fassung in Cottbus.

Cottbus. Verdis „Nabucco“ passt in die Zeit. Gegen Krieg, Verschwörung und Terror will sich triumphal das „va , pernsiero, sull’ ali dorate“ erheben, das „Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“. Zur Hymne wurde dieser erste große Freiheitschor des jungen Giuseppe Verdi, der nach zwei Patzern eigentlich nie mehr komponieren wollte. Dieser alttestamentarische Davidbericht aber hat ihn als Libretto von Temistocle Solera derat begeistert, dass er sich rückblickend erst von hier an als großen Komponisten sah. Die Uraufführung an der Scala war ein Riesenerfolg. Und heute, nach gut 180 Jahren steht die Oper allerorts in den Spielplänen: aktuell Unter den Linden in Berlin, in München, in Dresden, an der Opera Prag, in Verona, in Mannheim, am Gerhart-Hauptmann Theater Görlitz-Zittau gar und – in Cottbus.

GMD Alexander Merzyn findet mit seinem großartigen Philharmonischen Orchester die sanften Harmonien und die ungeheure Wucht der Töne, dieses lodernde Feuer, das der Bühne Kraft gibt in den hochdramatischen Szenen, die stimmlich vor allem der phantastische Andreas Jäpel in der Titelpartie und die auf große Häuser dieser Welt fokussierte russische Sopranistin Tatiana Trenogina sowie der pechschwarze Bass Ulrich Schneider als Hohepriester des Baal prägen. Jens Klaus Wilde als Ismaele, Yasushi Hirano als Zaccaria, Luzia Tietzte als Fenena, Cornelia Zink als Anna, Alexey Sayapin als Abdallo und Nico Deply in der Partie des Hohepriester-Sekretärs sind in den weiteren Rollen besetzt. Das Hauptgewicht aber liegt bei den babylonischen und hebräischen Soldaten, beim Volk – dem Chor also, souverän einstudiert auch hier von Christian Möbius – wenn auch aus nicht ganz verständlichen Gründen aus der Szene gerissen und vor den Vorhang drapiert, auf dem das Video einer Pferdefreiheit vor den Plattenbauten von Norilsk, der nördlichsten Großstadt der Welt im sibirischen Permfrost, läuft.

Das nun ist die, zugegebenermaßen geniale, „Nabucco“-Inerpretation von Armin Petras. Der vormalige Cottbuser Schauspieldirektor und designierte Intendant des Vierspartenhauses in Bremen hat seine ganz eigene Sichtweise auf die babylonisch-jüdischen Konflikte in einem anspruchsvollen Regiekonzept umgesetzt. Statt des Tempels, in den die Jerusalemer verschleppt werden, öffnet er den Gulag der russischen 30er Jahre und lässt einen Bus im Schnee stecken bleiben, der in allen vier Teilen die Bühne bestimmt (Bühnenbild Natascha von Steiger). Petras holt die biblischen Figuren aus alttestamentarischer Ferne in jüngste Vergangenheit und lässt die Würdenträger von einst zu einfachen, fehlbaren aber auch lernfähigen Menschen werden. Seine Botschaft aus der stalinistischen Dunkelheit: Die im Exil gefangenen und die gleichfalls nicht ganz freiwillig fern ihrer Heimaten agierenden Wärter nähern sich einander an, beginnen den anderen zu verstehen, und heute bilden die Nachkommen beider Gruppierungen vermutlich eine ganz gut lebensfähige Bevölkerung jener 175.000-Einwohnerstadt im ewigen Eis, die auch ein tolles Theater hat.

Jedenfalls lässt Petras die Figuren bei völliger Texttreue konsequent als Norlisker und Italiener spielen. Aus dem grauen, im Eis steckengebliebenen Schichtbus wird am Ende ein Partymobil, und die machtbesessene Abigaille, Tochter des Nabucco und einer Sklavin, in Petras-Sicht „eine Art von der Leyen, mit Zügen von Alice Weigel und Maria Callas“, muss endlich sterben. In dieser Welt der millionenfachen Vertreibung heiß die Botschaft für die Exilanten, die neue Heimat und den neuen Ort in sich zu finden. Der andere sei nicht Feind, sondern jemand, der irgendwo herkommt und nun feststeckt. Und Hoffnung erhebt sich „auf goldenen Schwingen“, die nun leider in Agit-Prop-Formation vorgetragen werden.

Trotzdem: Großer, großer Beifall. Wir sahen „Nabucco“ am 30. April, weitere Vorstellungen folgen am 15. Mai und am 6. Juni. Die Karten dafür dürften knapp werden. J. Heinrich

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