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Reisebericht: Ostern im urchristlichen Armenien

Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die Zeitungen und Nachrichtenkanäle. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Wir erlebten die Ostertage im urchristlichen Land ARMENIEN – freudig und bedrückend.

Den Indischen Ozean und die Ostküste Südafrikas (vergangene „Szenenwechsel“-Folgen) lassen wir ruhen, um Osterstimmung aus dem Land nachklingen zu lassen, in dem das höchste Fest der Christen am intensivsten gefeiert wird – in Armenien.

Schon im 1. Jahrhundert waren Apostel im Kaukasus – Spuren sind überall

Von Petra & Jürgen HEINRICH

„…aus dem finstern Tor dringt ein buntes Gewimmel hervor“ – Goethes „Osterspaziergang“ im armenischen Hochgebirge.
Kunsthistorisch haben die wehrhaften Klostermauern und die Muttergotteskirche kaum Bedeutung, aber nirgends ist bei klarer Sicht der Blick auf den Ararat so gut. Doch schon in einem Kilometer Entfernung zieht sich der von beiden Seiten streng bewachte türkische Grenzzaun durch die Ebene. Fotos: J. Heinrich

Das kaukasische Hochgebirge lässt seinen Bewohnern in vulkanischen Schluchten und trockenen Ebenen nur wenig Platz zum Leben. Das einst große Reich Armenien zwischen Mittelmeer und Kaspischer See schrumpfte auf ein kleines Gebiet zwischen Iran, der Türkei, Aserbaidschan und Georgien, war Jahrhunderte ganz von der Landkarte verschwunden und hält sich heute stolz und weltweit gesponsert als urchristliche Bastion an der Grenze zur islamischen Welt.

Ararat (5.137 m) heißt Armeniens Heiliger Berg, auf dem Noah mit seiner Arche strandete und sogleich den ersten Weinstock pflanzte. Allerdings liegt der Berg mit seinem kleinen Bruder (3.896 m) heute auf türkischem Gebiet. Zur Klosteranlage (r.) pilgern Armenier, um „ihrem“ Berg nahe zu sein.
Römisch-hellenistischer Herkunft – der Mithras-Tempel.

Schon im 1. Jahrhundert, als der römische Kaiser Nero noch seine Finger auf dem Gebiet hatte und den Mithras-Tempel als einziges Zeugnis jener fernen Mächte hinterließ, waren die Apostel Thaddäus und Bartholomäus, die beide als Märtyrer starben, im heutigen Armenien unterwegs. Erfolgreich, denn schon im Jahr 301 wurde ihre Lehre hier weltweit erstmals zur Staatsreligion. Heute nennen sich 93 Prozent aller gut drei Millionen Einwohner Armeniens Christen, doch in Russland, USA, Frankreich und anderen Ländern der Welt lebt eine weitere Mehrheit heimatverbundener Armenier.

Zeremonie der Heiligen Fußwaschung als Teil des Abendmahls am Gründonnerstag, hier durch den Bischof des Kloster Sewanawank.

Viele kommen zu Ostern, ihrem höchsten Fest (Weihnachten hat kaum Bedeutung) nach Hause und feiern die Auferstehung des Herrn. Wobei: Die Regeln sind weit liberaler als hierzulande. Fröhlich wird an allen Ostertage, auch am Karfreitag, musiziert und alles andere als gefastet. Auch die meist sehr kleinen, uralten Klosterkirchen sind durchaus nicht überfüllt. Das Christsein zeigt sich nicht in frommen Übungen, sondern ist neben dem eigenen Alphabet mit 39 Schriftzeichen und der Sprache wesentlichstes Element armenischer Identität. Niemand ist Mitglied der Kirche und es gibt weder Kirchensteuern noch Kollekten. „Alle Armenier“, heißt es, stehen unter dem Segen des Patriarchen und Katholikos, dem wir freundlich an seinem Heilige Stuhl in Etschmiadsin begegnen. Schon seit 1999 führt er seine Kirche, der es nicht am finanziellen Mitteln fehlt, die armenische Milliardäre regelmäßig aus dem Ausland überweisen, um kirchliche Projekte wie die Priesterschulen, aber auch staatliche Kulturvorhaben zu ermöglichen. Trotzdem liegt der Katholikos mit dem Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan hörbar im Clinch, weil die Positionen zu Friedenslösungen mit der Türkei und Aserbaidschan verschieden sind. Die vielen frischen Gräber auf Soldatenfriedhöfen, auf denen Landesflaggen trotzig im Winde flattern, sind Symbole fehlender Kompromissfähigkeit.

Segnend in Etschmiadsin unterwegs: Seine Heiligkeit Karekin II., seit 1999 Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier.
Die kleinste der armenischen Kreuzkuppelkirchen steht seit dem 7. Jahrhundert in Aschtarak unweit von Jerewan.

Dennoch: Die österlichen Rituale vor verhüllten und später blumengeschmückten Altären erleben wir mit großer Freude und spüren herzliche Offenheit uns Fremdlingen gegenüber. In einsamen Bergdörfern wie in der pulsierenden Millionen-Hauptstadt Jerewan, finden wir, „grünet Hoffnungsglück“. Wir werden davon in weiteren Folgen erzählen.
von in weiteren Folgen erzählen.

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