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Reisebericht: Universitätsstadt Opole

„Aus dem Leben eines Taugenichts“– das war und bleibt Eichendorffs bekannteste Novelle. Sein Wandersmann singt darin „Wem Gott will rechte Gunst erweisen…“ Kennt ein jeder. Also hinaus in die weite Welt – vom Dichterort brav nordwärts.

Reihenweise wieder aufgebaute Giebel und davor einladende Restaurantplätze. Es gibt vorzügliche Küche bei feinem Service.
Hinter der Stadtbefestigung die Heilige Kreuz Kirche.

Oppeln (Opole) liegt in Luftlinie etwa 70 Kilometer vom Geburtsort des Dichters nahe Ratibor entfernt. Es ist die erste Stadt am Flusslauf, die dank der Oder strategische Bedeutung erlangte. Der Fluss ist inzwischen ein ordentlicher Strom, bildet in der Stadt sogar eine langgestreckte Insel, auf der der Zoo seinen Platz hat. Das war kein Glück beim Jahrhunderthochwasser 1997; viele Tiere konnten nicht gerettet werden und ertranken.

Die Oder (weit hinten) trennt sich vom Mühlgraben. Hier stand am Hospital einst das Odertor der Stadtbefstigung.

Oppeln hat heute 126.000 Einwohner und wechselte mehrfach seine Obrigkeiten. Erst gehörte es zu Polen (990), dann zu Böhmen (1039), ab 1163 zählte es zum Fürstentum Schlesien und gelangte um 1215 einen weiten Ruf als Kaufmannssiedlung am Oderübergang. Nun wurde die Stadt befestigt und es kamen die ersten deutschen Siedler. 1335 geriet Oppeln wieder an Böhmen und rutschte damit ins Heilige Römische Reich. Das schützte die Stadt nicht vor den räuberischen Schweden; Mitte des 17. Jahrhunderts sah sich Oppeln an das Haus Wasa verpfändet. Anhaltendes Wachstum begann erst, nachdem die Oderstadt 1742 zu Preußen gelangte. Nach einigen Jahren wurde Deutsch die Amtssprache, die Wirtschaft florierte und 1902 bis ‘13 entstand ein bedeutender Handelshafen am Fluss.

An den Balkanzug, der vor dem I. Weltkrieg Oppole passierte, erinnert die Lok auf dem Bahnhofsvorplatz.

Heute prägen Gewässer wesentliche Teile des Stadtbildes. Über die Dächer ragen die Türme der Kirche Heiliges Kreuz, des Rathauses und andere Türme auf, und flüchtig betrachtet entsteht der Eindruck, als habe es hier nie russische Granaten und die Kämpfer der Ukrainischen

Erdbeer- und Kaffeepause am Oderufer im Städtchen Brieg.

Front gegeben. Das hätte fast so sein können, denn der NS-Stadtkommandant weigerte sich, Panzersperren zu bauen und ließ stattdessen die Bevölkerung Richtung Breslau fliehen. Er musste sich, um anderen Konsequenzen zu entgehen, erschießen. Er ist wohl einer der vielen Ungenannten, die Allerschlimmstes zu verhindern suchte; leider erst, als sie bis zum Hals ins Unsagbare verstrickt waren. Hier kam es doch zu Kämpfen, wobei die Stadt zu 60 Prozent zerstört wurde. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, und die Flüchtlinge aus Ostpolen gingen nun bereits 1947 an den Wiederaufbau. Zunächst entstanden am Ring sorgfältige Kopien früherer Häuser, später nur noch barockähnliche Giebel.

Opole / Oppeln präsentiert sich heute als moderne, pulsierende Stadt. Sie hat eine Universität, eine Technische Universität, eine Kunst- und Musikschule, wissenschaftliche Institute und ist Bischofssitz sowie schlesisches Zentrum der Deutschen Minderheit. Der Verband der deutschen soziokulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), Dachorganisation deutscher Minderheit, sowie die Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) haben hier ihren Sitz. Seit 2000 steht dem Anliegen auch die deutsch-polnische Eichendorff-Zentralbibliothek zur Verfügung. 2003 gründete sich der Verein Deutscher Hochschüler als überkonfessionelle deutsche Studentenverbindung. Bis 2018 hatte die Deutsche Minderheit mit Marcin Gambiec zudem einen Abgeordneten im Stadtrat. Im Dichterort Lubowitz (letzte Folge dieser Reihe) haben wir das Wirken dieser deutsch gebliebenen Polen gespürt. Allerdings leben in der Oppelner Kernstadt nur wenige von ihnen; sie sind vor allem in den ländlich geprägten Randstadtteilen zuhause und organisieren sich in Ortsgruppen. Geschätzt wird die Zahl der sich in Polen zu deutschen Wurzeln Bekennenden auf gut 200.000. Exakte Zahlen gibt es nicht.

Die Alexiskapelle (1421) des früheren Hospitals ist eines der wenigen Altstadt-Originale.

Was uns betrifft, so fühlen wir uns sehr willkommen im Herzen der Stadt, genießen vorzügliche Küche in einem feinen Straßenrestaurant und machen uns dann weiter auf den Weg entlang der Oder, die sich in Richtung Breslau schlängelt. Etwa auf halber Strecke dahin liegt direkt am Fluss Brieg / Brzeg, die einstige Residenz- und preußisch-schlesische Regierungshauptstadt. Von 1945 bis 1990 hielten die Sowjets diese Kreisstadt quasi besetzt, unterhielten hier den ehemaligen Wehrmachtsflugplatz und dominierten aus abgesperrten Vierteln das Stadtleben. Das ist, findet ein mitteilsamer Herr am Oderrastplatz, gottlob vorbei. Wir beobachten, wie er liebevoll und sachkundig eine alte Dame umsorgt. Seine Mutter, teilt er uns mit, er komme ihretwegen oft zurück. Wie ihm Polen gefalle, fragen wir, und er antwortet schroff: „Alles Scheiße.“ Und dann: „Ich wäre gern hier, bekäme für meine Arbeit aber umgerechnet nur 1.000 Euro. Davon kann keiner leben (in Frankfurt/Main bekommt er als qualifizierter Altenpfleger das Mehrfache) „Die jungen Ukrainer, die nicht arbeiten, fahren hier mit dicken Autos rum. Alles Sch…“ schimpft er weiter. Trotzdem verabschieden wir uns an diesem Pausenort mit schicken Liegestühlen von ihm und seiner gebrechlichen Mutter herzlich.

Nächste Folge: Das stolze Breslau

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