Am Ufer der Mühlspree in Burg wartete im Frühjahr 1879 ein stattlicher Mann, der eigentlich nicht so recht in das Dorfbild passte, man merkte schon, dass er ein Zugereister war. Der Mann hatte nur wenig Gepäck, dafür aber allerlei Utensilien bei sich: eine Staffelei, einen Malkasten und mehrere Mappen mit Zeichenkarton und kaschierten Leinwänden. Der Mann wartete auf einen Kahn, der ihn nach Lübbenau bringen sollte, von dort konnte er mit der Eisenbahn weiter nach Berlin fahren. Fast drei Jahre hatte er in der Abgeschiedenheit des Spreewaldes, sozusagen am Ende der Welt, zugebracht. Geschichten hatten ihm die Dorfleuten erzählt, die er alle notierte, und Lieder hatten sie zusammen gesungen, und gemalt hatte er, über 1000 Bilder und Skizzen waren es, in denen er nun das Leben der Spreewälder mit sich nahm. Und daher kam auch sein Name: Bodarakojc molar – der Maler von Bauer Bodarak. So nannten sie ihn, seinen richtigen Namen kannte nur ganz wenige – Wilibald von Schulenburg, Landschaftsmaler aus Berlin, der bald auch ein anerkannten Forscher wendischen Volkstums werden sollte.
im Ausdruck sind die Ölskizzen Schulenburgs,
hier wendische Frauen bei der Arbeit.
Im Jagdschloss Grunewald
Die Grafen von der Schulenburg waren ein altmärkisches Adelsgeschlecht, das auch in der Niederlausitz ansässig wurde, von 1505 bis 1621 besaßen sie die Herrschaft Lübbenau, von 1519 bis 1943 die Standesherrschaft Lieberose. Charlotte von der Schulenburg, die Großmutter unseres Memory-Helden, hatte sich wenig um Adel und Standesschranken geschert, dafür aber 1809 einen unehelichen Sohn namens Ludwig geboren. Die Familie verweigerte die Anerkennung, erst zwanzig Jahre später nach einem Prozess wurde dieser Ludwig, der Vater unseres Helden, zum legitimen Spross erklärt. Allerdings, wenigstens ein gewisser Abstand musste doch wohl gestattet sein, und so wurde aus dem exklusiven “von der” ein etwas schlichteres “von”.
Wilibald von Schulenburg wurde am 6. April 1847 als Sohn des Königlichen Hoflandjunkers Ludwig von Schulenburg in Charlottenburg geboren. Der Vater machte bald Karriere, wurde zum Königlichen Jagdzeugmeister bestellt, und die Familie bezog 1851 im Jagdschloss Grunewald eine Dienstwohnung. Sehr naturverbunden wuchs Wilibald auf. Sein Abitur machte er 1868 auf dem berühmten Friedrich-Werderschen Gymnasium, Max Liebermann und die Söhne Bismarcks waren seine Schulkameraden.
Heide, Zeichnung um 1880.
Verwundung bei Gravelotte
Bevor an ein Studium zu denken war, musste erst der Militärdienst absolviert werden. So trat Wilibald Ostern 1868 in das 2. Garderegiment zu Fuß ein. Aus dem Fähnrich wurde schnell ein Leutnant, der wurde auch dringend gebraucht, denn Preußen rüstete zum letzten der Einigungskriege, gegen Frankreich ging es 1870/71. In der verheerenden Schlacht bei Gravelotte wurde auch Wilibald verwundet, sein linker Arm musste amputiert werden. Mit einer kleinen Pension versehen, wurde er in den Ruhestand versetzt.
an der Fischerei im Spreewald. Die großen
Krebse wurden später durch eine Seuche
ausgerottet.
Maler und Volkskundler
Am Ende seiner Militärzeit hatte Wilibald von der Schulenburg eine Ausbildung als Maler erhalten. War es die Folge seiner Amputation oder war es die Erfüllung eines Lebenstraums, wir wissen es nicht, jedenfalls 1875 vermeldete das Berliner Adressbuch: Unter den Linden Nr. 5, von Schulenburg, Marine- und Landschaftsmaler. Nur sehr wenige ausgeführte Gemälde haben sich erhalten, das meiste war Gebrauchskunst und ist heute unserem Gesichtskreis entschwunden. Geblieben aber sind die Bücher Schulenburgs. Als ihm 1876 eine Malerreise in den Spreewald führte, blieb er, fasziniert von Land und Leuten, drei Jahre. Er lernte die wendische Sprache seiner Gastgeber und konnte so ganz authentisch Sagen, Märchen und Lieder, Bräuche und Sitten der Wenden bei Festen und bei der Arbeit sammeln. Dazu machte der Maler natürlich ungezählte Skizzen und Bilder. Aus dem reichen Material erschien 1880 das erste Buch: Wendische Volkssagen und Gebräuche aus dem Spreewald. Zwei Jahre später folgte “Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte”. Weitere Bücher folgten, vor allem aber in ungezählten Artikeln, häufig mit eigenen Illustrationen versehen, berichtete Schulenburg von dem Leben der Lausitzer Wenden. Und er kam immer wieder, manchmal in Begleitung des Arztes und Anthropologen Rudolf Virchow, in den Spreewald, aber auch in die Heide zwischen Muskau und Schleife.
Im Wendischen Museum
Am 29. April 1934 verstarb Wilibald von Schulenburg im Hubertus-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf. Seit einigen Jahren hatte er im Sidonie-Scharfe-Stift ganz zurückgezogen nur noch für seine Forschungen gelebt, denn seine wichtigen Bücher sollten erneut aufgelegt werden. Unter Fachleuten blieb Wilibald von Schulenburg als Forscher wendischen Volkstums immer geachtet, in der Allgemeinheit geriet er aber doch in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren wurden seine Leistungen wieder öffentlich anerkannt. Nach Aktivitäten in Burg 1997 und Zehlendorf 2000 gibt jetzt eine vortreffliche Ausstellung im Wendischen Museum Cottbus (vom 7. Mai bis zum 27. Oktober) Auskunft über den Maler und Volkskundler. In der Ausstellung wird deutlich, dass die Bilder Schulenburgs durchaus eigenständige Kunstwerke sind, nicht nur als Illustration seiner volkskundlichen Schriften gedacht. Mit zahlreichen Leihgaben aus dem Heimatmuseum Berlin-Zehlendorf, aber natürlich auch mit eigenen Beständen, wird ein Bild von einem bescheidenen, rastlosen Künstler und Forscher vermittelt, der auch immer ein Freund der einfachen Leute in der Lausitz war.
Siegfried Kohlschmidt
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