
Schlossplatz einst beliebter Treffpunkt / Platane überdauert die Zeit
Zum Rätselbild der letzten Woche erreichte uns wieder eine Vielzahl an Leserzuschriften mit unterschiedlichsten Erinnerungen. „Die aktuelle Aufnahme zeigt das Schloss des Jahn von Bieberstein, auch als das Jahnsche Schloss bekannt. Aufgenommen wurde das Schloss von der Mühlgrabenbrücke in Richtung Osten. Das Schloss stand quer zur Kirchstraße und hatte zwei Seitenflügel. Im Jahr 1945 ist die gesamte Schlossanlage mit den Seitenflügeln durch den Zweiten Weltkrieg zerstört worden. An einen Wiederaufbau war nicht zu denken. Die aus dem Schutt geborgenen Steine wurden zum Aufbau anderer Gebäude verwendet“, schreibt Thomas Methe.
Auch Ingeborg Fabian erinnert sich noch gut an das Schloss. „Für uns Kinder war das damals ein Erlebnis, darin herumzulaufen. Einmal die Woche haben wir uns als Gruppe dort getroffen. Es war ein organisierter Treffpunkt für Kinder und Jugendliche von sechs bis zehn Jahren, wo man sich erzählte und spielte. Das war Anfang der 1930er Jahre. Mein größtes Erlebnis war im Winter. Ich musste über den Mühlgraben, wenn ich nach Hause wollte. Unter meinen Fausthandschuhen hatte ich noch welche drunter, angefertigt aus den Oberteilen der Knicke-
bocker meines Vaters. Einer der Handschuhe war mir in den Mühlgraben gefallen – ich hab mich kaum noch nach Hause getraut, aber es ist nichts passiert. Wenn ich heute über die Brücke gehe, schmunzle ich noch immer über dieses Malheur.“
„Auf dem Schlossplatz, wo der Feuermelder zu sehen ist, war eine Fürsorgestation eingerichtet und das Standesamt. Auch die Jungmädchen hatten dort ihre Nachmittage, das war so ähnlich wie bei den Jungpionieren. Und auch der BDM (Bund Deutsche Mädchen) traf sich dort zu den Gruppennachmittagen. Im Sommer konnte man an der Bank um den Stamm des großen Baumes, rechts hinter dem Schloss, herrlich sitzen“, so Waltraud Richter.
„Oft haben meine Mutter und ich die Schlossdurchgänge passiert, wenn wir in Forst einkaufen und zu einem Kurzbesuch bei Verwandten waren und nach Stunden wieder den Heimweg nach Berge antraten“, erzählt Wolfgang Schenk. „Unser Stadtschloss war schon in die Jahre gekommen. Im 16 Jahrhundert von Jahn I. von Bieberstein gegründet, welche 1380 bis 1667 über die Herrschaft Forst-Pförten (heut Brody) regierten. Als ihnen die männlichen Nachkommen ausgingen, löste sie Herzogin Luise-Elisabeth von Sachsen-Merseburg ab. 1704 zog Herzogin Luise-Elisabeth auf ihren Witwensitz nach Forst (ihr Mann Herzog Philipp von Sachsen-Merseburg war verstorben.). Die Herzogin verhalf dem Schloss noch einmal zu einer neuen Blüte. Durch sie erhielt Forst auch das Postrecht. Luise-Elisabeth verstarb 1736 und wurde in der Stadtkirche beigesetzt. Mit ihr erlosch auch die Merseburger Linie. Erst 1740, sowie 1746 kaufte Graf Brühl die Standesherrschaft über Pförten und Forst. Außer dem dadurch frei gewordenen Schloss errichtete er eine Tuch- und Leinenfabrik, die Wiege oder Kinderstube der Forster Textilindustrie, der Grundstein für die größte Tuchstadt der Lausitz, das deutsche Manchester. – Heute zeugt nur noch eine stattliche Platane vom einstigen zweiten Biebersteiner Schloss in der heutigen Kirchstraße und eine namentliche Inschrift im Geländer der Mühlgrabenbrücke – Schlossbrücke.“
Für Ingeborg Faustmann hat die Platane eine besondere Bedeutung, wie sie am Telefon sagt: „Die Platane, dessen riesige Baumkrone man hinten rechts sieht, gehört zum Hof und steht heute noch. Auf sie schaue ich, wenn ich aus meinem Fenster sehe. Vom Schloss selbst steht gar nichts mehr. Ich bin 1960 in einen der AWG-Blöcke eingezogen, die damals in Aufbaustunden entstanden. Die Handwerker kamen nur sehr schwer in den Boden, weil es noch Gewölbe in der Erde geben soll, die nicht zurückgebaut wurden. Mein Block steht heute anstelle des Schlossgebäudes bzw. auf dem einstigen Hofgelände. Die AWG hatte damals um die Platane noch eine weiße Bank gebaut. Als ich 1960 hierher kam, gab es in der Bibersteinstraße einen Kindergarten. Nach der Wende kam der Kindergarten weg, und dort entstand ein kleines Wohnhaus, wo sich lange die Verwaltung der AWG befand.“ Gewonnen hat diesmal Ingeborg Faustmann. Herzlichen Glückwunsch.










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