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Jürgen Lidzba im Sommer 1993 auf dem Betriebsgelände in Kolkwitz vor einem der damals neuen Entsorgungsfahrzeuge. Heute befördert eine Flotte von 34 hochmodernen Fahrzeugen täglich 1 700 Kubikmeter Abwasser Foto: CGA-Archiv

Ein Firmenaufstieg erreicht sein Happyend / Das Gründerpaar geht ein Stück in die Freizeit:
Cottbus (hnr.). Die großen Entsorgungs-Brummer mit der Lidzba-Aufschrift und das schnelle Havarie-Einsatzfahrzeug mit dem Elefanten-Saugrüssel gehören zum Straßenbild der Region. Daran hat sich auch mit einem gravierenden Notartermin vom 20. Mai 2015 nichts geändert. Das  Reinigungsunternehmen wechselte ins Eigentum des Konzerns REMONDIS als Teil der REMONDIS Brandenburg GmbH mit Sitz in Großrä-schen. Für Firmengründer und Geschäftsführer Jürgen Lidzba naht der Renteneintritt; er gibt die Geschäftsführung ab. Eine große, hier einzigartige Wirtschaftsgeschichte in deutscher Einheit findet ihr – Happyend.

Ein Start, zwei Firmen

Begonnen hat der Ur-Cottbuser seinen Bilderbuch-Weg in die Selbständigkeit Anfang 1989. Zum 1. März erhielt er vom Rat der Stadt die „Erlaubnis“, ein handwerkliches Reinigungsunternehmen zu eröffnen. Er tat das unverzüglich mit Schippe und Gartenschlauch, reinigte Schlitzeinläufe in Fußgängerzonen, stellte zwei ungarische Arbeiter ein, die Opfer der ersten Kraftwerksentlassungen waren, und begab sich selbst auf Auftrags-Akquise. Das Unternehmen wuchs rasant und erweiterte sein Service-Spektrum.  Ende der 1990er Jahre übernahm Birgit Lizba das Segment Gebäudereinigung samt Service rund ums Haus. Neben der Lidzba Reinigungsgesellschaft mbH gab es jetzt die Lidzba Gebäudemanagement GmbH. Beide existieren heute so nicht mehr.

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Sieht ganz und gar nach betrieblichem Alltag aus. Und ist es auch. Birgit und Jürgen Lidzba erledigen Tagesaufgaben des weithin bekannten Lidzba Reinigungsunternehmens in Cottbus. Nur der wirtschaftliche Hintergrund hat sich verändert. Die Lidzba Reinigungsgesellschaft und das Lidzba Gebäudemangement gehören ihnen nicht mehr. Die kerngesunden Unternehmen, im wörtlichen Sinne vor gut 26 Jahren „aus dem Nichts“ gegründet, haben neue Besitzer gefunden Fotos: hnr.

Jetzt putzt PWSD

Von anfangs fünf auf zuletzt 40 Mitarbeiter war das jüngere Unternehmen gewachsen. Gegründet  wurde es am 1. August 1999, aber  familienintern einigte man sich auf griffig-runde Daten: Anfang März 2010 feierten die Entsorger 20jähriges und die Reiniger zehnjähriges Jubiläum. Das machte sich besser für alle, denn dieses Alle, das hatte bei den Lidzbas immer großen Wert. Sie führten ihre Unternehmen mit damals rund 100 Beschäftigten wirtschaftlich straff, im Personalmanagement aber fast familiär mit großen Spielräumen, die jedem Mitarbeiter Platz für Eigenverantwortung bieten. „Das hat immer gut funktioniert“, sagt Jürgen Lidzba. Viele Mitarbeiter sind sehr lange dabei, Stefan Röder sogar 25 Jahre.
Auch die Kunden blieben stetig. „Wir haben 50 Prozent der Sparkassenfilialen betreut, die Technische Akademie Wuppertal gereinigt, für die GWC Bauschluss- Reinigungen erledigt oder beispielsweise auch das neue Polizeipräsidium erstgereinigt“, zählt Birgit Lidzba auf. Bis Guben, Vetschau und Lauchhammer erstreckt sich der Aktionsradius. Das ist auch so geblieben nach der Verschmelzung dieses Unternehmens mit der PWSD GmbH  Reinigungsservice.

Aus Familienfreundschaft zwischen Lidzbas und der Cottbuser Unternehmerfamilie von Lo-thar Neumann ist eine gehaltvolle  Fusion entstanden. „Trotzdem habe ich lange gezögert mit dem Verkauf“, räumt Birgit Lidzba ein und beschreibt heftiges Herzklopfen. Inzwischen weiß sie: Man kann auch ohne Druck einen Tag verleben. Sie bleibt noch unterstützend in der Buchhaltung der Reinigungsgesellschaft. Das ist ihr Fach, das sie einst als Innenrevisorin im Kraftwerk zu beherrschen gelernt hat.

1 000 Telefonzellen

Jürgen Lidzba kommt „vom Schrauben“ her, hat seinen Kfz-Schlosser-Beruf immer wieder an  Oldtimern kultiviert und wird sich damit wohl demnächst auch stärker beschäftigen. Noch aber ist er Geschäftsführer „seines“ Unternehmens. „Dass ich mit dem Erreichen der Rente diese Verantwortung abgebe, stand schon immer in meinem Vertrag“, sagt er, und will sich nun daran halten. Am 30. September wird das geschehen, und so finden sich im beginnenden Aufräumen so manche Papiere und Zeitzeugnisse, die an den Anfang erinnern.
Lizdba war immer ein Mann klarer, markanter Worte. Sein Firmenkonzept reduzierte er gern auf die Formel: „Dreck – also für mich Arbeit – gab’s genug.“ Also krempelte er, ein „armer, nicht mal kreditwürdiger Schlucker aus der Platte“, die Ärmel auf, kratzte das Ersparte zusammen und kaufte die ersten, damals spottbilligen Trabi-Kübel.
Der erste Großauftrag sicherte schon den Durchbruch: Die Post ließ durch ihn alle Telefonzellen im Noch-Bezirk Cottbus reinigen und instand halten. „Das waren über 1000. Meine Leute schwärmten aus, und wir hatten beiläufig das, was allen noch fehlte – ein perfektes Kommunikationsnetz. Ich konnte meine Mitarbeiter in jedem Ort in der Telefonzelle anrufen.“
Der Unternehmenssitz war da noch zuhause, später in Kolkwitz und heute in Cottbus-Groß Gaglow. Zum zehnjährigen Bestehen hatte Lidzba am modern ausgestatteten Standort 65 teils hochqualifizierte Mitarbeiter.

Die neuen Aufgaben

Die Geschichte nahm ihren Lauf: Tag der Wirtschafts- und Währungsunion am 1.7.1990, drei Monate später deutsche Einheit. Direktor Seidel von VEB Gubener Wolle schrieb: „…bezüglich Reinigung der Abwasseranlagen … diesen Auftrag für ca. drei bis vier Monate auszusetzen … freundliche Grüße“. Der Betrieb rutschte über die GmbH-Phase in die Pleite. Mit der NVA – ein Großkunde, weil Soldaten plötzlich nicht mehr putzen mussten! – ging’s besser. Den Auftrag übernahm die Bundeswehr, die noch heute guter Lidzba-Kunde ist. „Im Cottbuser Norden, wo jetzt die ‘Lagune’ steht, haben wir ein Armee-Objekt blitzblank gereinigt, damit es zwei Wochen später abgerissen werden konnte“, erinnert sich der Unternehmer an konfuse Phasen einer Zeit historischen Umbruchs. Wer gewissenhaft war, hat selbst davon profitiert.

Die Verhältnisse ordneten sich. Bald gab es riesigen Entsorgungsbedarf nach EU-Richtlinien und der Bau-Boom brachte überall Inspektionsanforderungen. Ohne modernste Saug-, Druck- und Messtechnik war auch  „im Dreck“ nicht mehr viel zu bestellen. Die Flotte der Saug-Spül-Kombifahrzeuge, Kamerawagen und Entsorgungsfahrzeuge ist heute auf 34 angewachsen und wird ständig durch Neukäufe – auch in diesem Jahr schon – auf aktuellstem Technikstand gehalten.
„Seit zehn Jahren sind wir im Entsorgungsgeschäft für Sammelgruben und dabei heute der zweitgrößte Entsorger Deutschlands“, erklärt Jürgen Lidzba. 1700 Kubikmeter Abwasser werden an jedem Arbeitstag abgefahren. Die Autos rollen zweischichtig für zehn Wasserverbände von Cottbus bis über das Umland und nach Beeskow und Storkow. In den Kosten stehen monatlich 14 000 Euro allein für Dieselkraftstoff.

Kein Lidzba-Ende

Birgit und Jürgen Lidzba blicken heute stolz auf das Werk der zweiten Hälfte ihres Berufslebens. So wie sich jeder Schritt der Entwicklung wohlüberlegt vollzog, war ihnen auch „der Ausstieg“ stets klar: „Wir wollten die Unternehmen auf keinen Fall familiär fortbestehen lassen.“, erklären beide übereinstimmend.

Die Tochter, einst selbst „Kapitänin“ eines TV-Inspektionswagens,  fühlt sich, seit sie auch Mutter ist, in der Buchhaltung der Firma geborgen und möchte hier auch gern bleiben.
Seit 2013 gab es Interessensbekundungen von regionalen Unternehmen, die Lidzba-Erfolgsstory fortzuschreiben. Für die Gebäudemanagement GmbH ist das im Jahr 2015 auch gelungen.
Die Reinigungsgesellschaft allerdings erwies sich als eine für diese wirtschaftsschwache Region allzu große Nummer.
„In der zweiten Jahreshälfte 2014 sprach mich der Konzern REMONDIS an“, erzählt Jürgen Lidzba, „und zwar mit ganz klaren logistischen und finanziellen Vorstellungen. Die Fachleute kannten die Mengen und Kapazitäten. Wir waren uns nach nur drei Sitzungen einig, die vierte fand dann schon am 20. Mai 2015 als gut durchdachte Vertragsunterzeichnung statt.“
In zwei Stufen hat REMONDIS die 49 Prozent Geschäftsanteile von Birgit Lidzba und dann die 51 Prozent von Jürgen Lidzba übernommen. Das Unternehmen bleibt komplett erhalten, wird unter dem Namen Lidzba fortgeführt. „Ich werde noch einige Jahre als  Berater  die Kundenkon-
takte pflegen“, hat sich der Firmengründer entschieden. Geschäftsführer aber wird ein voigtländischer Profi, Patrick Erler, der von Großräschen aus agiert. Gunter Hempel, seit acht Jahren in der Firma, bleibt Betriebsleiter in Groß Gaglow.
Ob die Zeit der Lidzbas nun für „Schiffsreisen und Cabrio-Fahrten“ reicht, wird sich zeigen …


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