Kommentar: Bei Anruf krank

Nein, nicht alles, was Deutschland nun zögerlich von der alten DDR übernimmt, ist gut. Die Poliklinik kommt wieder, gut so. Auch Ampelmännchen bewährt sich, jetzt gar mit lokalen Abkömmlingen. Aber die Krankschreibung per Telefon? Seit 2021 ist sie zugelassen, nun aber umstritten.

In früheren Zeiten war sie Usus, obwohl nur wenige Leute Telefonanschluss hatten. War Heuernte, ging der Saspower Bauernsohn zum Konsum und rief den – richtigen! – Arzt an: Bin krank. „Wie lange?“, war die Gegenfrage und meinte, wie lange brauchst du, um dein Heu reinzukriegen. Der finale Satz des Doktors lautete: Schick jemanden vorbei. Der holte den Krankenschein und brachte ihn zum Betrieb. Das ist heute leichter. Angerufene Ärzte benachrichtigen die Krankenkasse, der Arbeitgeber informiert sich dort, warum sein Mitarbeiter fehlt. Natürlich darf er nicht direkt nach der Krankheit fragen, schon gar nicht nach dem Heu. Dr. K., ältere Cottbuser kennen den verdienstvollen Arzt, verlor am Ende seine Approbation. Die zumeist volkseigenen Arbeitgeber fackelten nicht lange.

Kanzler Merz und die Kassenärzte haben es heutzutage nicht ganz so leicht. Hoher Krankenstand – über 20 Tage in Brandenburg, fast 19 in Berlin, 18 bundesweit – lassen den deutschen Wohlstandsmotor knirschen. Die Sitten sind verlottert; man kann sich nicht nur per Telefon, sondern selbst per E-Mail oder WhatsApp krankmelden. Merz sieht darin eine Ursache für hohe Ausfälle am Arbeitsplatz. Er stößt, wohl nicht zu Unrecht auf Widerspruch. Das Beispiel von früher zeigt, dass nicht nur Faulpelze anriefen, sondern oft die besonders Fleißigen. Wie sich’s heute damit verhält, sei dahingestellt. OB Schick in Cottbus meinte neulich, dass, solle die Transformation gelingen, auch alle Beschäftigten einen höheren Gang einlegen sollten. Weniger Teilzeit, zum Beispiel, mehr Spaß finden am Gemeinschaftswerk. Das hält wohl auch gesund. J.H.

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