Wegbereiter der heutigen Thiem-Universität

Der einstige Cottbuser Chef-Chirurg Prof. Dr. med. halbil Ingo Gastinger ist gestorben.

Prof. Dr. med. habil. Ingo
Gastinger (1942 – 2026)

Cottbus/Illmersdorf. Vor allem sind es ungezählte Menschen und deren Angehörige, die durch seine Hilfe von schweren Krankheitsverläufen genesen konnten, die sich seiner dauernd dankbar erinnern. Darüber hinaus ganze Generationen von Promovenden und Habilitanden, die sich, teils noch nach seiner aktiven Chefarztzeit, unter seiner Obhut akademisch graduierten. Prof. Dr. Ingo Gastinger, der als begnadeter Chirurg über Jahrzehnte in Meiningen, an der Berliner Charité, in Bad Berka, Suhl und zuletzt von 1997 bis 2009 als Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus wirkte, ist am 1. März 2026 im 84. Lebensjahr gestorben. Die Trauerfeier findet am Donnerstag nach Ostern (10. April, 15 Uhr) in der Kirche in Illmersdorf nahe Cottbus statt, wo Prof. Gastinger in den letzten Jahren seinen Lebensmittelpunkt fand und auch eine Praxis unterhielt. Die Beisetzung der Urne erfolgt im Anschluss auf dem kleinen, ganz romantischen Dorffriedhof.

Ingo Gastingers Eltern waren, wie der Name vermuten lässt, österreichischer Herkunft. Aus dem Lesachtal verschlug es sie in den Kriegswirren ins thüringische Schmiedefeld, wo Ingo Gastinger am 10. Oktober 1942 geboren wurde und feste Wurzeln schlug. Sein Bruder Rainer unterhält auf dem Familienanwesen in Schmiedefeld noch heute ein Hotel. Mit dem Thüringer Wald verband den später erfolgreichen Chirurgen der Wintersport; Ingo Gastinger wurde Mitglied im Kader der Skilangläufer der DDR-Nationalmannschaft und Trainingskamerad bedeutender Wintersportler. Noch in diesem Januar feierte Prof. Ingo Gastinger auf der 7-km-Loipe in Schmiedefeld sein achtzigjähriges Ski-Jubiläum.

Nach dem Medizinstudium wurde Ingo Gastinger 1974 in Leipzig promoviert, wurde Facharzt für Allgemeinchirurgie und erwarb erste Meriten unter Dr. med. Heinz Knüpper in Meiningen. Als noch junger Chirurg kam er zu Prof. Dr. med. Helmut Wolff an die Berliner Charité. In Bad Berka erlernte er die Thoraxchirurgie. Prägend blieb für Gastinger die Phase an der Charité unter Prof. Wolff, Nestor der ostdeutschen Qualitätssicherung operativer Medizin. Diesem Gebiet verschrieb sich der Nachfolger von Dr. Josef Horntrich als Chefarzt der Cottbuser Chirurgie bis weit nach der Jahrtausendwende.

Bis zu 400 chirurgische Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum bedienten Gastingers Qualitätssicherungsstudien zu Karzinomen. Die Datenerfassung bei einigen Krankheitsbildern erfasste die Hälfte aller jeweils versorgten Patienten. Fallzahlen von mehreren Zehntausend bei Dickdarmtumoren, einer der häufigsten Krebserkrankungen, brachten breite Anerkennung. Für die immense Datenfülle gründeten Gastinger und Hans Lippert das „AN-Institut für Qualitätssicherung in der operativen Medizin“. Dies brachte ihm die außerplanmäßige Professur durch die Magdeburger Medizinische Fakultät ein. 2022 hat Ingo Gastinger die Zusammenschau dieser wissenschaftlichen Leistungen in einem Buch veröffentlicht.

Ein Höhepunkt der Anerkennung des Chirurgen Ingo Gastinger war die Zeit als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (1999/ 2000) als Vertreter eines nicht klassisch akademischen Klinikums. Längst hatte er sich, auch im Hinblick auf absehbar fehlenden Ärztenachwuchs im Lausitzer Raum, für die Gründung einer Medizinischen Universität in Cottbus engagiert und dafür in Frank Szymansky, ehemals brandenburgischer Strukturminister und Oberbürgermeister in Cottbus, einen Partner im Feld der Politik gefunden. So ist die Initiierung der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem eine späte, aber würdige Anerkennung von Ingo Gastingers klinischem und wissenschaftlichem Streben.

Nach seinem Ausscheiden aus dem CTK praktizierte Gastinger noch privat in Illmersdorf oder ambulant-chirurgisch bei seinem väterlich behandelten Schüler Dr. med. Andreas Koch, der ihm aus Thüringen gefolgt war. Die klinische und wissenschaftliche Leitung der Chirurgie an der nunmehrigen Uni legte er in die Hände seines Schülers und Nachfolgers Prof. Dr. med. Rainer Kube.
Der plötzliche Tod von Prof. Dr. Ingo Gastinger bedeutet für die ostdeutsche Chirurgie einen großen Verlust. Er war jungen Ärzten ein Vorbild und hat die Allgemein- und Viszeralchirurgie in Deutschland maßgeblich geprägt. J.H.

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