
Versorgung meisterte Fleischer Wurche / Kinder bestellten Manna
Das markante Gebäude auf unserem Rätselbild der letzten Ausgabe war kein schwere Aufgabe. So schreibt Margot Manke: „Das Klinkergebäude im Vordergrund war das Hotel ‘Zur Börse’. Das Hotel mit Gaststätte wurde von der Familie Schneider betrieben. An der linken Seite befand sich die Fleischerei von Kurt Wurche. Frau Schneider und Herr Wurche waren Geschwister. Ich habe bis 1972 schräg gegenüber der Börse gewohnt. In meiner Kindheit habe ich oft rote Brause im Krug in der Gaststätte gekauft. Auch Bier für den Opa wurde im Krieg gekauft. Das weiße Haus hinter der Börse ist das Knopfgeschäft der Familie Heitmann gewesen, genannt ‘Haus der 1 000 Knöpfe’, über das Anfang Juni geschrieben wurde.“
Norbert Fertig löst am Telefon: „Das ‘Hotel zur Börse’ in der damaligen Bautzener Straße, heute Karl-Marx-Straße, ist heute ein Hostel. Das Foto könnte um 1930 aufgenommen worden sein, auf jeden Fall vor 1950. Dort, wo der Mann steht, das große Fenster gehörte zur Fleischerei Wurche.
Das jetzige weiße Haus in der Wilhelmstraße, heute Geschwister Scholl-Straße, war das Haus der ‘1 000 Knöpfe , betrieben von Familie Heitmann. Ich kenne es noch aus den 1950er-Jahren. Danach war hier Uhrmachermeister Walozek bis in die 80er-Jahre zu finden, nach der Wende hat Uhrmachermeisterin Nowotnick das Geschäft übernommen.“
An die Fleischerei erinnert sich besonders Doris Ruppert. Sie mailt: „Einmal in der Woche waren wir mit Mutti bei Fleischer Wurche, der damals eine Instanz in Spremberg war. Meist standen die Kunden dicht gedrängt, wobei Mutti scharf aufpassen musste, dass beim Vorrücken die Reihenfolge eingehalten wurde. Während der gefühlt zwei Stunden, bis wir endlich von der Ladentür zur Theke hinten links vorgedrungen waren, beobachteten wir interessiert das aufgeregte Treiben. Fleischermeister Kurt Wurche kam dauernd vom Hof mit piksauberer weiß-blau-gestreifter Schürze und dunkelblauer Schiebermütze in den brechend vollen Laden und füllte die Metalltröge auf. Er war stets Herr der Lage. Nicht nur, dass seine Wurst schmeckte, manche brauchten, weil sie eine Feier hatten, ein Stück Fleisch. Beides auf einmal ging aber meist nicht. Kaum war die Wurst da, war sie schon wieder weg. Schon wir Kinder fanden es stressig, dass so viele Leute auf einmal zum Einkaufen da waren. Hoffentlich hatte Mutti nicht das Allerwichtigste vergessen: Den weißen Zettel, so groß wie heute ein Terminblättchen vom Arzt, wo amtlicherseits mit Stempel und Unterschrift bestätigt stand, dass wir, Familie Hans Schoeder, fünf Personen, berechtigt sind, pro Woche hier bei Wurche insgesamt 1 000 Gramm Fleisch- und Wurstwaren zu kaufen. Daran hielten sich auch alle, weil es woanders weder 100 g Leberwurst noch 200 g Teewurst überhaupt im freien Verkauf gegeben hätte. Die Einkäufe wurden akribisch auf dem Zettel gegengezeichnet. Weil wir noch keinen Kühlschrank hatten, kam der riesige Vorrat zu Hause erst einmal im langen, dunklen Korridor, der mit gelbem Naturstein gefliest war, in einen schweren schwarz-weißen Topf. Leider schmeckte nach ein paar Tagen nichts mehr direkt frisch, aber wir mussten ja über die ganze Woche kommen. Heftig erinnerte ich mich an diese Einkäufe ‘der etwas anderen Art’, als nach der Wende die ersten Supermärkte öffneten und uns der Überfluss aus den Fleisch- und Wursttheken verführerisch angrinste.
Weiter rechts neben Wurche gab es kleinere Häuser. In einem davon war früher ein Fischgeschäft. Für Silvester musste ein Karpfen sein Leben lassen. Ich sah verunsichert zu, wie er den entscheidenden Hieb über den Kopf bekam. Später, als wir im Schreibwarenladen in der Kassenschlange standen, hatte ich das Gefühl, das Netz mit der Zeitung, in die der tote Karpfen eingepackt war, hüpft. Mein Gefühl bestätigte sich, der Karpfen kam zu Hause in die Zinkbadewanne und durfte bis zu seinem endgültigen Ende noch ein bisschen umherschwimmen. Silvester erreichte uns Kinder auf dem Hof noch eine Hiobsbotschaft: Der Karpfen wollte beim Braten aus der Pfanne springen. Kann jemand verstehen, warum wir immer noch keinen Karpfen essen?“
Eine weitere Geschichte weiß Margrit Muladshikow zu erzählen: „An der rechten Ecke der ‘Börse’ war um 1900 ein kleiner Süßwarenladen, wo unser Vati und seine Geschwister sich Zuckerstangen (weiß mit rosa), Manna (exotische Hülsenfrucht, Röhrenkassie – d.Red.), Johannesbrot, Lakritze und Pfefferminzbruch holten. Nach den Erzählungen stand dort im Geschäft eine Pappfigur mit Bauchladen. Für die Kinder war es immer ein Gaudi, folgende Bestellung aufzugeben: ‚Ich möchte bitte für einen Groschen, was der Mann hat!‘ Das war ein liebenswerter Gag des Verkäufers, der weithin bekannt war und viele Kinder anlockte. Immer wieder haben unsere Tanten und Vati sich darüber amüsiert. Sogar unsere Cousine aus den Altbundesländern hat mir erst gestern berichtet, dass ihre Mutti, meine Tante Lotte, ihr genau dasselbe erzählt hat.
Da waren also auch die Kinder vor über 100 Jahren so keck und witzig…“Vielen Dank allen Ratefreunden, vor allem für die amüsanten Erinnerungen! Ein reproduziertes historisches Bild im Rahmen gewinnt Magot Manke. Glückwunsch!







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