Ein neues Buch über das Glück von Lucie und Hermann.
Von Klaus Trende
Die Ehe ist ein Arrangement. In Kategorien des Theaters trefflich zu beschreiben: Schauspiel, Drama, Lustspiel, Trauerspiel, Singspiel, Operette. Bei Pücklers war es alles zusammen. Dagmar von Gersdorff schrieb mit „Alle Schönheit, aller Zauber“ eine Doppel-Biographie über Lucie und Hermann von Pückler-Muskau.
Das Fürstenpaar aus der Lausitz setzte im 19. Jahrhundert Maßstäbe in der Landschaftsarchitektur, besonders bei der Weiterentwicklung des klassischen englischen Landschaftsparks im deutschen Raum. Reiseliteratur, in leichtem Stil geschrieben und ein Mosaik zeitgenössischen Lebens aus Großbritannien und dem Orient liefernd, machte Pückler Mitte des 19. Jahrhunderts weltbekannt. Diese Aspekte sind kulturgeschichtlich mannigfach aufgearbeitet worden. So konzentrierte sich Dagmar von Gersdorff darauf, zu zeigen, wie beide Pücklers das eigene Leben als Kunstwerk zu formen versuchten. Insbesondere Tagebücher, Briefe und Betrachtungen von Zeitgenossen erschließen einen anhaltenden Liebes- und Lebenskampf, den die Partner bis zum Tod miteinander führten und bestanden. Freilich als Sinuskurve der Gefühle, der finanziellen Lage und des unbedingten Willens, die eigene Idee eines erfüllten Daseins gegen alle Widerstände durchzusetzen.
Extravaganz, Verschwendung, ästhetischer Blick und Mut zum Unkonventionellen prägten das Leben dieses Paares.
Über Hermann Fürst von Pückler-Muskau liegt mittlerweile umfangreiche Sachliteratur zu dessen Werk und Persönlichkeit vor. Zu seiner Frau und deren Bedeutung im Gesamtwerk des Fürsten gibt es unter dem Titel „Die grüne Fürstin“ ein 127seitiges Begleitheft zu einer Ausstellung von 2010. Sonst wenig Nennenswertes. Dagmar von Gersdorffs Buch erhält Gewicht, weil Lucie Fürstin von Pückler-Muskau hier jene zentrale Stellung eingeräumt wird, die ihr im Werk ihres Partners zukommt. Ihre Mitgift, die sie in die Ehe brachte, linderte die Schuldenlast für Park und Schloss in Bad Muskau und war letztlich ursächlich, dass beides Format erhielt. Und dass in Cottbus-Branitz mit Schloss und Park heute ein originärer kulturgeschichtlicher Ort für Deutschland strahlt, verdankt sich der Initiative und dem hartnäckigen Engagement Lucies. Im Buch dokumentiert.
Akribisch arbeitet sich die Autorin über 255 Seiten durch die Kulturgeschichte, die Salons, die Dokumente, die literarischen und adeligen Netzwerke und Stammbäume. Lucie Gräfin von Hardenberg-Reventlow (geschiedene Gräfin von Pappenheim), prominente Tochter des wirkmächtigen preußischen Staatskanzlers Fürst von Hardenberg, war für Pückler Geliebte, Medium, Helferin, Freundin, Mutter und Ehefrau. Auch nach deren pro forma Scheidung 1826, nach neunjähriger Ehe. Ihre weitreichenden Verbindungen zum Hochadel, zur Geistes- und Kulturelite wie zur politischen Klasse waren für Hermann essentiell. Mit über einer halben Million Taler Schulden hatte er denkbar schlechte Voraussetzungen, seine Pläne, seine Freiheit und seine Kreativität auszuleben.
Eine Grundprämisse durchflutet den gesamten Lebensabriss: das Kunststück der Liebe. In mannigfachen Varianten wird die Widersprüchlichkeit Hermanns in seinen Empfindungen und Handlungen aufgefächert. Vernunftehe, erotische Lust, Zweifel, Polygamie, Freiheitsdrang, Streit, Versöhnung wechseln einander ab. Und das in einer seltenen Fähigkeit, der „angebeteten“ Lucie das Gefühl zu vermitteln, nur sie sei der Fixstern des Begehrens. Angesichts der Intelligenz Lucies, verblüfft ihre Leidensfähigkeit ebenso wie ihre herausragende Lebensbilanz, trotz aller Konflikte, Kränkungen und Wirrungen. Die Lebensgeschichte dieses Paares wirft die Frage auf, bis zu welcher Grenze geniale Begabungen – wie sie Hermann von Pückler-Muskau in Facetten besaß – berechtigen, rücksichtslos das eigene Dasein in den Fokus zu stellen. Unabhängig von moralischen und ethischen Standards der Partnerschaft oder der Gesellschaft. Die Antwort liegt außerhalb es privaten Raumes.
Dagmar von Gersdorffs Buch erweitert den literarischen Kanon von jenen Doppelbiografien, die Kraft, Geduld, Schmerz, Gedankenreife, Leistung und Einfluss von Frauen an der Seite prominenter Männer der Kulturgeschichte zeigen. Dies gelang bereits exemplarisch mit Gisela Kleines Doppelbiografie von Ninon und Hermann Hesse. Sodann präsentierten Ursula Keller und Natalja Sharandak einen neuen Blick auf das Werk Lew Tolstois, indem die gravierende Rolle Sofja Tolstajas erstmals ans Licht der Öffentlichkeit geholt wurde. Die Beispiele bezeugen, dass die bewunderten Literatur- und Kunstleistungen der männlichen Koryphäen ohne die Übersicht, das Feingefühl und die ausgeprägte Klugheit ihrer Frauen weder qualitativ noch quantitativ denkbar sind. Die Dokumente sprechen!
Lucie (1776-1854) und Hermann (1785-1871) haben ein von bürgerlichen Erwartungen und zeitgenössischer Makulatur unabhängiges Leben geführt. Gerade der Ausbruch aus dem Normativen erlaubte es, ein so grandioses Werk in der Landschaft wie in der Literatur zu hinterlassen. Da gab es keinen Dünkel und auch keine Rücksichten. Genie und Begabung haben ihren Preis. Ebenso wie Freiheit. Die beiden Pücklers haben sie sich genommen, erstritten, und den Preis bezahlt.
Fazit: Die Edition spannt einen Rahmen, der über sachliterarische Informationen hinausreicht: Sie fragt nach den Bedingungen, wie Menschenwerk gelingen und die Zeit überdauern kann. Dass zum 250. Geburtstagsjubiläum von Lucie diese Hommage erscheint, ist fein. Es hätte dem Buch gutgetan, einen Anhang beizufügen, der in einer Zeittafel die Lebensstationen des Paares knapp darstellt. Ebenso sollte bei einer Nachauflage bedacht werden, die Genealogie der Familien Pückler und Hardenberg ergänzend zu skizzieren. Dem Leser würde die Einordnung von Personen leichter aus einer Grafik erkennbar als aus dem fließenden Text.
Dagmar von Gersdorff:
Alle Schönheit, aller Zauber.
Lucie und Hermann von Pückler. Insel Verlag, 255 Seiten, 26 €.
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