Von der Quelle bis zum Mündungstag.

Die Oder. Sie ist einer der gewaltigen Ströme in der Mitte Europas, lange Zeit bis 1945 ganz und gar in Deutschland unterwegs – von ihrer Quelle bis zum Eintauchen in die baltischen Fluten. Jemand hat gemessen: Nur zwei Kilometer fehlen ihr an 1.000 Kilometer Länge bis Swinemünde. Aber auf diesem weiten, vielfach gewundenen Weg durch Tschechien und Polen und entlang der deutschen Grenze haben wir keinen einzigen Menschen getroffen, der sagen konnte, wo die Oder ganz genau entspringt. Wo liegt ihre Quelle?
Wie kommt es, dass sich an diesem schönen Strom, den die Menschen lieben und oft genug auch fürchten gelernt haben, niemand für den Ort seiner Geburt interessiert? Wir haben uns belesen, aber auch uns wurde es schwer genug, die wahrhaftige Oderquelle (die wohl manche, die wir nicht trafen, womöglich kennen) zu finden.
Immerhin ließ sich eine malerische Landschaft, genannt die Mährische Pforte (Moravská brána), als ihre Wiege ausmachen, eine der großen europäischen Wasserscheiden zwischen den Einzugsgebieten der Oder und der Donau. Die Dörfer hier und auch im angrenzenden polnischen Schlesien haben sich noch viel Deutschtum bewahrt oder wieder angeeignet. Die Ortsschilder ab Oderberg/Bohemin tragen in gleicher Schriftgröße polnische und deutsche Namen. Es ist die Gegend, in der die Sudeten lebten, und als mährische Perle liegt ganz nahe das prächtige Olmütz/Olomouc. Hier beginnen wir unserer Suche nach dem rätselhaften Anfang der Oder.

Der Zauber dieser fast gänzlich barocken, vor allem habsburgischen Altstadt umgarnt jeden Touristen unverzüglich, zumal alles Sehenswerte mit guter Übersicht mehrfach erklärt wird. Das Universitäts- und das klösterliche Leben prägen das Stadtbild und laden Hinzukommende in ehrwürdig-feierliche Pausenhöfe und Hallen ein. Die engen, hügligen Gassen bevölkern Studenten, geschäftige Einheimische und Touristen aus aller Welt gleichermaßen. Wir haben uns im feinen Garten der Universität den obligatorischen Cappuccino gegönnt und folgen nun, da es gleich 12 Uhr mittags ist, der Mehrheit in Richtung Markt.
Am Rathaus, das schon vor 500 Jahren als Kaufhaus gebaut wurde, gibt es eine astronomische Uhr, deren Figuren zur Mittagsstunde kreisen, musizieren und handwerklich hämmern. Eine fleißige Stadt.

Ihren wahren Schatz aber haben Restauratoren diesen Sommer noch eingehüllt: Die Dreifaltigkeitssäule auf dem Markt. Schwärmer nennen sie das „größte Barockdenkmal Europas“, und seit mehr als 25 Jahren gehört das Kunstwerk aufgetürmter Figuren zum UNESCO-Welterbe. Von anderen feinen Pestsäulen unterscheidet sich diese gänzlich original erhaltene, 32 Meter hohe Säule auch dadurch, dass sich in ihrem unteren Teil eine Kapelle befindet. Errichtet wurde sie aus frommer Dankbarkeit für eine überwundene Pestwelle, und zur Weihe 1754 war die habsburgische Kaiserin Maria Theresia höchstpersönlich ins mährische Olmütz gekommen.
Es gibt keinen schöneren Ort, in die nahen Oderberge zu starten. Das bestätigt uns auch die Radfahrerin aus Fran- ken, die mit dem Zug nach Olomouc kam, um der Oder radelnd zu folgen. Wir trafen sie später beglückt an der Quelle.
Hier im barocken Paradies erfreuten wir uns am reich sprudelnden Nass des Neptun-, Herkules-, Tritonen- und weiterer barocker, bestens erhaltener Brunnen, denen sich neue ebenbürtige Kunstwerke zeitgenössischer Schöpfer, wie die von bronzenen Riesenschildkröten umgebene Arion-Fontäne neben dem Rathaus, zugesellen. Die Bänke hier sind in frischer Briese an heißen Tagen gut besetzt, auch weil sie den Blick auf die verhüllte Prachtsäule bieten.
Wir haben unsern Blick auf den jungen Fluss, der irgendwo hier seinen Anfang nimmt, nicht vergessen. Olmütz verliert sich in seinen Randregionen in dörflichen Vorstadtsiedlungen, die zunächst in flache Landschaft übergehen. Östlich zeichnen sich am Horizont dicht bewaldete Hügel ab. Das müssen die mährischen Oderberge sein, ein kleines Mittelgebirge, das sich bis knapp 900 Meter erhebt. Einer der langgestreckten Bergrücken heißt Fiedelhübel (Fidlův kopec). Wer sich in der sudetischen Heimat mit dem „Kuhländchen“ (Kravarsko) auskennt, wird den Namen gehört haben. Am Fuße dieses Berges soll die Oder entspringen. In diesem Mai gab es ein Treffen eines Kuhländer Heimatkreises im Ort Odra an der jungen Oder, da kannten sich einige sehr alte Teilnehmer in den Geheimnissen dieser wunderschönen Landschaft aus. Warum über Jahrzehnte kaum jemand über das Quellgebiet des so populären Oderstromes gesprochen hat, von Tourismus dahin ganz zu schweigen, hat sich uns schon bald enthüllt… Folge 2: Das Geheimnis der Quelle
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