Preußische Plätze in der Lausitz XIII: Sellendorf – ein preußischer Musenhof

Sellendorf
Sellendorf

Wer kennt schon den kleinen Ort Sellendorf, 17 km nordwestlich von Luckau gelegen? Gewiss, es gibt da heute eine Brennerei und der dort gebrannte “Echte Sellendorfer” hat durchaus seine Freunde, aber sonst?
Dabei war das Dorf so um 1820 in der Münchener Schickeria genauso in aller Munde wie in der piekfeinen Berliner Gesellschaft. Denn dort lebte ein Mann, dessen dramatische Werke an allen deutschen Hoftheatern aufgeführt wurden, sogar nach Übersee gelangte sein Ruhm, und eine verzückte Verehrerin schrieb an ihren Berliner Freund: “Houwald denkt wie ein Mann, fühlt wie eine Frau und schreibt wie ein Engel.” Der seinerzeit enthusiastisch gefeierte Dichter Ernst Christoph von Houwald hatte in Sellendorf sein Refugium gefunden, wenigstens für 14 gute Jahre.

 

 

 

 

 Ernst Christoph von Houwald
Der Dichter Ernst Christoph von Houwald (1778-1845) und seine Frau Auguste, geborene von Haberkorn (1789-1875). Die Ehe war überaus harmonisch und glücklich, gemeinsam hatten sie neun Kinder, dazu kamen drei Pflegekinder und Contessas Sohn

Stutterheim und Haberkorn

Das Dorf Sellendorf gehörte ursprünglich zu der großen Herrschaft Golßen, die 1439 von dem Landvogt Nickel von Polenz an vier Brüder von Stutterheim verkauft wurde. Die Stutterheims, ein in der Lausitz reich begütertes Geschlecht, besaßen Sellendorf bis 1713.
Die nächsten Besitzer kamen aus der Familie von Haberkorn, eine bekannte hessische Familie, aus der sich zwei Brüder Ende des 17. Jahrhunderts in der Lausitz niederließen. In der vierten Generation war ein Mädchen die letzte ihrer Familie, Auguste von Haberkorn. Sie heiratete 1806 Ernst Christoph von Houwald. Der verkaufte seinen eigenen Besitz, kaufte dafür von seiner Ehefrau für 80.000 Taler Sellendorf, und bezog 1808 mit ihr das Schloß.

 

 

 

 

 

 

Schlosspark
Dieses Wohnhaus wurde um 1920 in den Sellendorfer Schloßpark hineingebaut, vielleicht bewohnte es der Gutsinspektor oder der Förster. Die Feldsteinmauer könnte noch aus Houwalds Zeiten stammen

Dichter und sein Freund

Ernst Christoph von Houwald wurde am 29.11.1778 auf Schloß Straupitz geboren. Mit 15 Jahren ging er nach Halle, zunächst auf das Pädagogium, dann auf die Universität. Dort begegnete er auch dem Fürsten Pückler, der aber wegen Frauengeschichten das Pädagogium bald wieder verlassen mußte.
Houwald bewohnte mit dem aus Hirschberg stammenden Karl Wilhelm Contessa ein Zimmer und bald entstand eine tiefe Freundschaft. Beide fühlten sich zum Dichter berufen, kleine Theaterstücke wurden aufgeführt und bei jeder Gelegenheit wurde gedichtet. Für einige Jahre trennten sich ihre Wege, Contessa wurde gar einer von E.T.A. Hoffmanns Serapionsbrüdern in Berlin, aber die Verbindung blieb innig. 1816 kam Contessa mit seinem halbverwaisten Sohn nach Sellendorf. Houwald nahm beide in seine schon vielköpfige Familie auf. Die Freunde wetteiferten wie in alten Schulzeiten beim Dichten und bald erschien Houwalds erstes Werk: Romantische Accorde. Im Sommer 1818 folgte dann in Dresden die Uraufführung seines ersten Schicksalsdramas, Die Heimkehr.
Ein gutes Dutzend sollten folgen. Am bekanntesten wurde sein “Bild” von 1919. Daneben erschienen in zahlreichen Taschenbüchern Erzählungen und Gedichte. Sehr beliebt waren auch sein “Buch für Kinder” mit dem bezaubernden Rübezahl-Märchen und seine “Bilder für die Jugend”, die mehrfach aufgelegt wurden.

Schloss Selessendorf
Schloß Sellendorf, Kupferstich nach einer Zeichnung von Houwalds Freund Contessa, der nicht nur Dichter sondern auch ein begabter Landschaftsmaler war.

Privattheater auf dem Dorf

Ach, das war ein sorgenfreies Leben. Houwald hatte die Gutswirtschaft verpachtet und lebte nur für die Kunst und die Familie. Beide Freunde richteten sich ein kleines Theater ein und probierten ihre Stücke aus. Der Gutspächter, der Müller und einige begabte Dienstleute spielten mit. Als der Dichter Achim von Arnim 1821 aus dem nahen Wiepersdorf zu Besuch kam, konnte er seiner Bettina nur bewundernd schreiben: “In dem Haus lebt alles in der Literatur, spielt Komödie, probiert des Vaters und Contessas Stücke, und eben jetzt wurde ein neues Theater erbaut und gemalt. Sie drängten mich, ich solle da auch etwas auf ihrem Theater aufführen, ihnen vorlesen, und vielleicht geschieht es bald.”

Schon 1805 war Houwald von der Ständeversammlung zum Landesdeputierten gewählt worden. Als solcher hatte er (gemeinsam mit seinen zwei Brüdern) besonderen Anteil an der Erhaltung gewisser Vorrechte der Niederlausitz, als diese nach den Befreiungskriegen von Sachsen zu Preußen kam. Viele Verpflichtungen, aber dennoch, für die Dichtkunst blieb genügend Zeit. Als Houwald aber 1821 zum Landsyndikus berufen wurde, konnte er die Wahl nicht ausschlagen, zu tief fühlte er sich dem Dienen am Staate verpflichtet. Schweren Herzens mußte er Sellendorf aufgeben. Die ganze Familie samt Contessa und dessen Sohn zog in das Schloß Neuhaus bei Lübben – doch das ist eine neue Geschichte, ein weiterer “preußischer Platz in der Lausitz”.

Schloss
Schloß Sellendorf zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Zeichnung aus dem Kreismuseum Luckau

Bis zum bitteren Ende

Für Gutsbesitzer waren wegen der Bauernbefreiung und der Separation schwierige Zeiten angebrochen, die Grundpreise verfielen. So brauchte 1822 der Käufer von Sellendorf, ein Gustav Friedrich Becherer, 13.000 Taler weniger bezahlen, als Houwald einst seiner Frau gegeben hatte. Doch mit Houwald hatten auch die Musen Sellendorf verlassen, die Besitzer wechselten häufig, bis 1945 waren es fast ein Dutzend, die meisten bürgerlicher Herkunft.

Doch das ganz schlimme Ende kam erst nach dem Krieg. Kommunistischer Unverstand, die Arroganz der neuen Macht, führte 1947 zum Abriß des Schlosses. Übrig blieb ein verwilderter Park und ein verwüsteter Gutshof.
Nur die Schnapsbrennerei läuft, gegründet 1870, verkünden stolz die Etiketten.
A. Pommer

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