Spremberg: Hanseatenstube mit herrlichem Duft

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Die Hanseatenstube war sehr begehrt

Gebäude in der Dresdener Straße weckt vielfältige Erinnerungen:
Petra Schwartze schreibt: „Die Aufnahme zeigt die Gaststätte „Hanseatenstube“ der HO in der damaligen Clara-Zetkin-Straße. In diesem Gebäude gründete am 1.04.1894 (zu jener Zeit Dresdener Str. 11) mein Urgroßvater Otto Müller die gleichnamige Buchdruckerei. Es war nur ein Raum in einem Seitenflügel für den Betrieb vorhanden. 1906 war der Raum zu klein und der Betrieb, jetzt Omü Otto Müller genannt, zog in die Lindenstraße 3 und später in die Lustgartenstraße 1. Mein Vater, Ulrich Müller, setzt die 120-jährige Tradition noch weiter fort und ist als Buchdrucker im Familienbetrieb tätig.“
Gisela Mildner schreibt: „Dieses Foto ist mir seit Jahrzehnten bekannt. Die Gaststätte in der Dresdener Straße ist mit unterschiedlichen Bezeichnungen bekannt. Als Hanseatenstube ist sie mir noch gut in Erinnerung. Es liegt schon lange zurück als hier der Sonntagsaufenthalt von besonderer Bedeutung war. Mein Mann und ich ließen uns eine Bockwurst schmecken. Denn damals war das eine Rarität. Deshalb wurde der Sonntag ausgewählt. Der Geschmack ist kein Vergleich zu heute. Da ist eine Bockwurst nichts besonderes mehr.“
Helga Reichstein weiß: „Die Hanseatenstube war einst die Fischbrätküche. Daneben war eine Fleischerei. Im Jahr 2000 erfolgte der Abriss und ein Jahr später der Neubau zu einem Taschenfachgeschäft.
Margrit Muladshikow schreibt: „Beim Eintreten wurde man sofort durch die Hafenbar-ähnliche Raumgestaltung gefangen genommen. Die durch herabhängende Netze ziemlich niedrige Raumhöhe und das gedämpfte Licht vermittelten Geborgenheit und verströmten zusammen mit vielen seemannstypischen Accessoires ein Flair von Küste, Fischerei und Heimkehr in den Heimathafen. Der köstliche Duft von Gegrilltem und Letscho hing in der Luft. Eine historische Nautik-Karte, Leuchttürme, Koggen und ein Segelschiff unterstrichen neben Tauen, Knoten und schweren, in Fischernetze eingearbeiteten Glaskugeln das maritime Interieur, das der „Hafenbar“ aus der beliebten Fernsehsendung mit Horst Köbbert nachempfunden war.
Der hintere Bereich mit einem langen rustikalen Tisch unter kupfernen Leuchten war besonders begehrt und wurde oft für gesellige Brigadenachmittage genutzt. Von dort
aus konnte man durch das riesige, in geheimnisvollen Grün schimmernde Aquarium in den vorderen Gastraum blicken. Die exotischen Fische schwammen scheinbar mitten zwischen den Gästen. Es war unglaublich
entspannend, ihrem lautlosen Gleiten zuzuschauen, während leise Seemannslieder erklangen.
Die Leuchttürme und bunten Positionslichter schimmerten wirkungsvoll. Es war eine sehr behagliche Atmosphäre, die einen dem Alltag entrücken ließ und durch kulinarische Genüsse wie gegrillte Forelle oder Heilbuttfilet mit feurig-scharfer Chillisoße zum bleibenden Erlebnis wurde. Man tauchte förmlich ein in eine maritime Welt und konnte sich vorstellen „wenn die Ostseewellen rauschen“. Das kleine Haus links, das sich an das größere schmiegt, gehörte Familie Fritz Schuppank, bekannt durch die wohlschmeckenden Wurstwaren, die dort seit Generationen nach eigenen Rezepten hergestellt und verkauft wurden. Das Geschäft wurde 1955 von Otto Schuppank durch seinen Sohn übernommen und bis in die 1970er Jahre weitergeführt. Eine Anekdote zur Hauskatze der Familie will ich hier erzählen: Das Tier ging, vom unwiderstehlichen Duft nebenan magisch angezogen, nachts auf Pirsch und erbeutete dabei verpackte Reste der leckeren Fisch-Mahlzeiten. Manchmal brachte sie diese übers Dach angeschleppt – nicht zur Freude von Frau Schuppank. Die Katze wurde mehrfach verwarnt, sah aber den Sinn dieses Verbots nicht ganz ein und ging weiter ihrem Hobby nach. Sie verspeiste aber die Köstlichkeiten dann doch lieber gleich und heimlich.“
Doris Ruppert schreibt: „Ich erinnere mich an einen Einkauf um 1957, als in der oberen Etage des abgebildeten Hauses  mit der Hanseatenstube eine Zeit lang ein Billigwaren-Laden eingerichtet war. In dem von den vielen umher laufenden Kunden laut knarrenden Raum mit sehr eng gestellten Tischen gab es schon damals eine Art Schnäppchen zu kaufen. Mit zwei gleichen Sachen für uns damals zehnjährige Zwillinge klappte es aber selten, so bekam an diesem Tag nur ich eine blaue Strickjacke mit knallrotem Rand, die ich zum Glück auch gerade anhatte, als uns bei einem Familienspaziergang in der Nähe der Bahnlinie eine derartig große Menge Pfifferlinge anleuchtete, dass es dumm gewesen wäre, sie einfach den Hasen und Rehen zu überlassen. Der stabile Reißverschluss wurde zugezogen und hinein kam das unerwartete Geschenk des Waldes. Das elastische Links-Gestrick überstand den Schwertransport glücklicherweise schadlos und nach der Zubereitung in der riesigen Pfanne, die durch den Gebrauch über Generationen hinweg schon ziemlich viel von der weißen Emaille eingebüßt hatte, beendeten wir genussvoll den abenteuerlichen Tag in der Familie.“

Ein gerahmtes Foto gewonnen hat Petra Schwartze.

Herzlichen Glückwunsch!