Ströbitzer Dialog: Geschäfte mit den Flüchtlingen

In der Ströbitzer Wilhelm-Nevoigt-Schule saßen den knapp 70 Bürgern die 20-köpfige Führungscrew des Rathauses (vorn), auf dem Podium ganz rechts der OB und der Stadtverordnetenvorsteher sowie in der ersten Reihe weitere Abgeordnete und Betriebschefs gegenüber. Auf den Gängen und im Saal waren im Übermaß private Sicherheitskräfte postiert Foto: J.Heinrich

Geld ist nicht alles, aber wo es fehlt, geht wohl auch künftig eine Menge schief.

Cottbus (hnr.) Knapp 70 Einwohner, größtenteils Ströbitzer, waren am Dienstag der Dialogeinladung in die Wilhelm-Nevoigt-Schule gefolgt. Auch hier war der irritierend geblähte Überwachungsaufwand nicht erklärbar – es sei denn, er sollte einschüchtern.
Die komplette Rathaus-Führung (einschließlich OB also 21 Personen) plus Stadtverordnetenvorsteher, GWC- und GWG-Chef, im Bedarfsfalle auch die Superintendentin, Stadtverordnete und mit Kerstin Kircheis (SPD) erstmals auch ein Gesicht aus dem Landtag saßen für Anfragen bereit. Pfarrer Dr. Uwe Weise und Religionslehrer Holger Thomas moderierten angenehm unaufgeregt. Aber Tumulte waren hier auch wahrlich nicht zu befürchten. Ströbitz ist der Stadtteil mit der höchsten Anzahl an Ausländern, zum großen Teil Studenten und Beschäftigte der BTU, aber auch Flüchtlinge. Um die ging es hier vor allem. Zuerst war die Sorge zu klären, ob die den Steuerzahler über die Maßen belasten. Das tun sie wohl, aber sie schaden der Stadtbilanz nicht, klärten GWC-Chef Torsten Kunze und Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla, der dem GWC-Aufsichtsrat vorsteht, auf. Von den aktuell 17 300 kommunalen Wohnungen sind 1000 an Asylanten vermietet, was der GWC zu der günstigen Leerstandsquote von nur gut drei Prozent verhilft. „Für Cottbuser bleibt also noch immer ausreichend freier bezahlbarer Wohnungsbestand“, erklärte Kunze auf eine entsprechende Nachfrage. Drogla erläuterte: „Die Mieten tragen Bund und Land, sie landen bei unserer Gesellschaft und fließen in den lokalen Geldkreislauf. Die GWC erhält und verbessert damit den Bestand. Das ist gut für alle.“
Trotzdem, so Finanzdezernent Niggemann, kosten die Flüchtlinge die Stadt jährlich etwa zwei Millionen Euro. Aber man sollte auch wissen, dass die Anwesenheit von rund 8 000 Ausländern (etwa zur Hälfte Flüchtlinge, die anderen überwiegend Studenten und Fachkräfte) die Einwohnerzahl aufbessern und damit Landeszuweisungen bringt.
„Kaufmännisch“ scheint die Flüchtlingsrechnung aufzugehen, zwischenmenschlich bleibt Nachholebedarf. Nur wo sich persönliche Kontakte ergaben und ergeben, weicht Angst auf beiden Seiten. Die gibt es vielfach, war zu hören. Ob die Wurzel dieser Angst DDR-Verklemmtheit sein könnte, blieb jedoch umstritten.
Klar hingegen war, dass im konkreten Leben und Arbeiten mit ausländischen Kindern Kapazitäten und Geld fehlen. Die gastgebende Nevoigt-Grundschule betreut 70 Flüchtlingskinder. Wenn es um Projektunterricht geht, der deutschen Kindern viel Spaß macht, bleiben die Flüchtlingskinder auf der Strecke, weil ihr Spielplatz-Deutsch nicht reicht, dem Stoff zu folgen. Sie schalten ab und werden unruhig. Hier braucht die Schule dringend Sprachmittler, fordert die Direktorin.
Auch Ströbitzer Eltern kennen dieses Problem, und als Sylke Schötz vom Bürgerverein Ströbitz darstellt, dass es weit günstiger sei, ausländischen Kindern in Sonderklassen zunächst Deutsch beizubringen und sie dann auf altersgerechte Klassen aufzuteilen, entgegnet OB Holger Kelch, genau das habe die Stadt von Bildungsministerium gefordert, erhielt aber zur Antwort: „Das sieht das Gesetz nicht vor und es gibt auch keine Kapazitäten dafür.“
So bleibt die rhetorische Eingangsfrage: „Was müsste sich ändern, damit Sie sagen können, dieser Abend hat sich gelohnt?“ ergebnisoffen. Auch der Ärger um den Spielplatz im Schulhof, der, weil aus Fördermitteln finanziert, nicht abgeschlossen werden darf, und der Kummer der Frau, die wegen fehlender Müllkübel ihre Hundekacke nicht los wird, waren nicht zu beheben. Immerhin aber gab es Freude in Ströbitz über erkennbar mehr Polizeipräsenz, und am Ende verbreitete sich eine Art Dialog-Behagen: Es sollte solche Veranstaltungen auch geben, wenn keine Fake-Meldungen über Asylanten kursieren. Das Leben macht Spaß in Ströbitz und Cottbus. Und die eine oder andere Streitigkeit konnte im zweiten Teil dieser Schulsitzung an Stehtischen direkt behandelt werden. Die Chefs der vier Dezernate und ihre Ressortleiter notierten sich entsprechende Aufgaben.