Zeutibers Tochter verletzt

Rehkitz am Spreeufer geborgen.

Vielleicht wiederholt sich gerade Aktaions Geschichte. Und nach Ovid, dem römischen Dichter, ging sie so: Diana, Göttin der Jagd, verwandelte zürnend den dem Waidwerke nachgehenden Jüngling Aktaion in einen Hirsch, weil dieser sie unbeabsichtigt beim Bade in einem rauschenden Quell in grüner Grotte überraschte. Damit nicht genug: Aktaion, nun in Hirschgestalt, wurde von seinen eigenen Hunden zu Tode gehetzt und zerrissen. Soweit Ovid.

von Luis Schöpfwasser

Letzten Donnerstag barg eine hiesige Jägerin am Spreeufer, unweit der „Spreewehrmühle“ ein am Kopf verletztes Rehkitz – Tochter des wendischen Gottes Zeutiber. Die wundersame Rettung gelang nur, weil Zeutiber eine Waldnymphe, die fast 900 Jahre alte Dryade Echemeia, ans Spreeufer entsandte. Als Nymphe ward sie jedoch nur in der Nacht zum Landgang fähig. Und die Sonne stand hoch zu Mittag. Es gelang ihr aber mit Sirenengesang einen Sterblichen aufzuhalten, der hastend und ohne nach rechts oder links zu blicken, an der Spree entlang lief. Jetzt sah auch dieser das verletzte Rehkind. Es schaute ihn herzerweichend mit nur noch einem gesunden Auge an. Dryade Echemeia nahm ihn beim Wort, Hilfe herbeizurufen und verschwand in den Fluten der Spree…

Der Sterbliche, alleingelassen, besann sich kurz und wählte, smartphonebewaffnet, die Ein Eins Zwei! Florians Jünger am anderen Ende der Leitung, auf alle Eventualitäten vorbereitet, bestätigte den Werdegang mit den Worten, „in solchen Fällen immer die Leitstelle der Feuerwehr anrufen“! Nach etwa einer Stunde traf die benachrichtigte Jägerin am Ort des Geschehens ein. „Jägerin!“, unser Jogger erschrak. Was kommt jetzt, finaler Erlösungsschuß?!“ Ein Vorurteil, wie Waidfrau sogleich beruhigend einsprach. Sie und ihr Begleiter wollen unerkannt bleiben. Unberechenbar der Götter Zorn! Jedenfalls Zeutibers Tochter konnte jetzt wirklich auf Rettung hoffen. Die Wunden an Kopf und Auge mussten dringend versorgt werden. In eine Decke gehüllt, ließ sich unser Rehkitz ohne Widerstand zur Wildtierauffang- und Pflegestation, Cottbus-Skadow, von Tierärztin Susanne Schmidt bringen. Wie zu erfahren, wird dort bereits ein anderes verletztes Rehkitz behandelt. Ihre Diagnose fiel weniger optimistisch aus als erhofft. Zeutibers Tochter hatte neben starken Prellungen am Kopf dort auch Schnittverletzungen. Das betroffene Auge ist wohl nicht mehr zu retten. „Ohne Hilfe hätte es keine Überlebenschance“, so Susanne Schmidt. Es bleibt abzuwarten, ob der Sehnerv des verbliebenen Auges keinen Schaden genommen hat. Wahrscheinlich ist sie bei Mäharbeiten unbemerkt verunglückt.

Besagte Station sollte man nicht mit dem Tierheim verwechseln – Wildtiere werden hier versorgt und, wenn möglich, bald wieder in Freiheit entlassen. Jedes Jahr trifft es rund 30 „Unfallrehe“, von anderen Wildtieren ganz zu schweigen – meist Opfer des immer dichteren Verkehrsaufkommens.

Gerade jetzt, zur Zeit der Gras- und Getreidemahd, ist Aufmerksamkeit geboten. Unser hilfreicher Jogger hatte am Spreeufer genügend Zeit darüber nachzusinnen. Er musste ständig an Ovids „Metamophosen“ denken und daran, dass schon Fürst Pückler es in lateinischer Sprache gelesen. Der Fürst kannte auch die Dryaden und den sorbisch-wendischen Gott Zeutiber. Wer auch immer Zeutibers Tochter mit seinem Mähwerk verletzte, sollte an Aktaions Schicksal denken.

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