Amerkungen zu „Die Krankschreibung“ von Ivana Sokola & Jona Spreter.

Cottbus. In Vorbereitung auf das Kleistjahr 2027 nähert sich unser dem genialen, letztlich von Todessehnsucht geplagten Dichter aus Frankfurt, dem auch die engere Umgebung von Cottbus vertraut war. In Gulben verbrachte er mehrere Sommer, seine Schwester liegt dort begraben. Es gibt noch die Kirchenbank, in der Klein-Heinrich betete; das Gutshaus seiner Verwandten wurde hingegen erst dem Vandalismus preisgegeben und dann amtlich plattgemacht. Schade.
Ein wenig vandalistisch und voller Todessehnsucht geht es auch in dem jetzt gezeigten Stück der Berlinerinnen Ivana Sokola und Jona Spreter zu, die Kleist sehr zugetan scheinen und ihr studiertes Handwerk des szenischen Schreibens verstehen. Erst um die 30 Jahre jung, haben sie schon Stücke in Wien, München, Münster und Mannheim erfolgreich zur Aufführung gebracht und ordentlich Preisgelder abgeräumt.
Kleists Trauerspiel „Robert Guiskard. Herzog der Normänner“, das in Süditalien spielen sollte, hat der Dichter nur in Szenen veröffentlicht, nie beendet. Die Autorinnen schrieben es neu und heutig, wohl aber in Kleists Sinne. Jedenfalls lässt der deutsch-iranische Regisseur, hier aus seiner Shakespeare-Arbeit zu „Richard 3.“ und dem umstrittenen Recherche-Stück „Das Kraftwerk“ bekannt, den Sektenchef Guiskard (großartige Ariadne Pabst) heftig toben, ohne dass der als längst erschöpfter Herrscher sein müdes Gefolgschafts-Häuflein noch erreicht. Nicht Helene, seine stürmische Tochter (Charlie Schülke), nicht die spontane Junge (Natalie Schörken) und auch nicht den ebenso führungsschwachen Alten, am Schluss fast weisen (und dann auch richtig guten Kai Börner).
Nicht die drohende Pest, sondern fehlende Führung machen krank und letztlich unfähig, sich der Stadt zu nähern, die allein noch der höchst verwirrte Türmling (köstlich der im Banalen scheiternde, sich in zwei Klappstühlen verknotende Amos Detscher). Urkomisch teilweise und doch in tiefem Ernst wird die Frage abgehandelt, ob es sich zu leben lohnt, wenn doch das Sterben unvermeidbar ist. Wo dieser Zweifel latent das Leben umfängt, aus Unsicherheit oder, wie durch den scheiternden Selbstmörder Guiskard manipulierend, haben Pest und andere Krankschreibungen Zugriff wie in einem Puppenspiel, das gleichnishaft den Schlussakkord setzt.
Diese „Krankschreibung“ in der auch die weiteren Darsteller des „Völkchens“ glänzen, lässt einmal mehr das zuletzt nicht immer gänzlich abgeforderte Potenzial der Sparte Schauspiel aufblitzen. Ein schöner Einstieg in eine noch folgende Heinrich von Kleist Phase. Es gab herzlichen Beifall des überwiegend jungen Premieren-Publikums. Weitere Vorstellungen folgen in der Kammerbühne am 5. und 16. April, am 2. und 22. Mai und am 6. Juni. J. Heinrich
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