Musical „Jedermann“ im Alvensleben-Kasernenhof

Eine göttliche Tod-und-Teufel-Sommershow / Anmerkungen zum Musical „Jedermann“ nach Hugo von Hoffmannsthal im hiesigen Kasernenhof.

Musical "Jedermann" in der Alvensleben-Kaserne
Im grellbunten Lebenskarussell hat der reiche Jedermann sich verspekuliert. Einsam steht er (Nils Stäfe in der Titelrolle, vorn) da, als (v.l.n.r.) der Teufel (Heiko Walter), der Tod ( Mirjam Miesterfeldt) und seine Mutter (Gesine Forberger) nach den Verbindlichkeiten seines Daseins fragen. In sensationellem Bühnenbild und phantasiereichen Kostümen begeistert das Opern-Ensemble im Alvensleben-Kasernenhof zum Ausklang der Spielzeit 2025/26 des Staatstheaters. Foto: Bernd Schönberger

Cottbus. Nicht nur seit 1920 in Salzburg, sondern in den 90er Jahren auch hier in Cottbus an der Kahrener Kirche wurde Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ mehrere Jahre lang in guter Inszenierung und anspruchsvollen Besetzungen gegeben. Das waren feierlich-besinnliche Abende in Wiener Poetik, bedrückend auch wegen der Todesnähe.

Ganz anderes in diesem Sommer im gut bestuhlen und auch gastronomisch gerüsteten Hof der Alvensleben-Kaserne. „Jedermann“ kommt nun modern getextet musikalisch, auch nachdenklich, vor allem aber hemmungslos humorvoll daher. Ein Lausitzer Broadway-Fenster; jedenfalls was die aufwändige Ausstattung (Bühne Paul Zoller, Kostüme Carola Volles) und den Spielschwung betrifft, liegt der Vergleich zu den amerikanischen Bühnen nahe. Johannes Zurls musikalische Leitung wird zur akrobatischen Show – er dirigiert sein bestens aufgelegtes Philharmonisches Orchester in kleiner Besetzung in einem Zelt neben der Bühne und gibt von da aus auch den Sängern die Einsätze. Bühnenmeister und Tontechniker (Dirk Baumann Mizeras, Sebastian Thoss) bieten Spitzenqualität und überstimmen die Mauersegler am Abendhimmel.

Der musikalische „Jedermann“ trat 2014 als Rockoper auf den Erfurter Domstufen ins Leben. Vier Jahre später hatten Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Libretto) das sinfonische Werk zum „Musical vom Sterbenlernen“ aufgelockert und in Neuzelle uraufgeführt. Diese Fassung setzte Regisseur Tomo Sugao jetzt für den Lausitzer Freiluft-Saisonausklang um. Wiederholter Szenenapplaus und stürmischer Beifall am Schluss dankten für Meisterschaft in großer Besetzung.

Es ging teuflisch und auch göttlich-frömmelnd zu in diesen gut zwei heiteren Lehrstunden vom Sterben. Der etwas tuddelige Gott (Dirk Kleinke) mit elektrisch betriebenem Heiligenschein, die herrlich spielfreudige Sopranistin Mirjam Miesterfeldt als lebensfroher Tod und dazwischen der freche Teufel von Heiko Walter wetteifern um die Zuneigung des Publikums. Auch Hardy Brachmann als Der gute Gesell, Luzia Tietze als Werke und besonders Gesine Forberger als Mutter Lebenslust voller Sinnlichkeit unterm überweiten Rock verdienten Beifall.

Die tragische Lage seiner Rolle drängt den sonst temperamentvolleren Nils Stäfe als Jedermann in geradezu trübsinnige Zurückhaltung. Zwar brüskiert er schoofig den Schuldner (Andreas Jäpel, mit „Was gehen mich Deine Wechsel an!“), doch er protzt keineswegs als satter Überflieger und zeigt wenig Liebe zu güldenen Cabrio, Yacht und Privatflieger, die eher herrenlos auf dem Karussell rotieren, wo die „sittlichen“ Normalos ihr turbulentes Kontrastprogramm abspulen. Niemand will diesen Jedermann – das macht sein Sterben so qualvoll. Er feilscht grob mit der Liebsten (Jeanette Wernecke), die wird ihm aber am Ende vergeben und den Herzballon gen Himmel steigen lassen.

Ende gut, alles gut. Ganz besonders gut aber waren in großer Zahl und schönen Kostümen jene vielen Darsteller (und auch gemalten Bilder!), die Himmel und Hölle ins musikalische Spiel rückten. Vor diesem Hintergrund drehte sich mal schnell, mal weniger das große Lebenskarussell, auf dem die Hauptfiguren auch mal kabarettistische Nummern tanzten. Die goldenen Symbole des Reichtums fuhren da einfach mit. Die Fülle der Bühnenorte und im Winde tosenden Vorhänge funktionierte vorzüglich, und eo Steigerung nötig schien, brausten die himmlischen und höllischen Chorteile auf ((Einstudierung Neritan Hysa, Christian Möbius), oder es wallte eben Bühnennebel aus dem Boden oder zündelten Feuerwerke. Alles ganz und gar nach Herzenslust der jubilierenden Zuschauer.

Der musikalische „Jedermann“ hatte vergangenen Freitag Premiere und wird bis zum 2. Juli in zehn Vorstellungen gezeigt, jeweils 19.30 Uhr; eine Stunde zuvor öffnet der Hof zu Gesprächen bei Getränken, Brezeln oder auch Mostrich-Bratwurst. J. Heinrich

Weitere Beiträge aus Cottbus und Umgebung finden Sie hier!


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert