Guben. Tuchfabrik Lehmann & Richter, Alte Poststraße 26

Tuchfabrik Lehmann & Richter, Alte Poststraße 26
Fabrik ist untrennbar mit dem Namen verbunden
Versehentlich hat sich das Foto erneut in den Rätselordner verirrt – trotzdem gab es viele Zuschriften. Inge Wende schreibt uns: „Bei der Luftaufnahme handelt es sich um die Alte Poststraße Ecke Uferstraße. Das Gebäude ist die frühere Tuchfabrik Lehmann & Richter. Später, von 1953 bis 1992 wurde daraus der VEB Gubener Wolle/Werk IV.
Heute befinden sich in dem Gebäude die Herstellungs- bzw. Ausstellungsräume des Plastinators Gunther von Hagens.
Persönliche Erinnerungen habe ich zum Innenhof. Hinter dem Gebäude links befand sich bis Februar 1953 die Herrenkleiderfabrik Lokai & Goldemann. Später wurde der VEB (Kommissionshandel) Bekleidungswerk daraus. Die ursprünglichen Eigentümer verließen über Nacht Guben. In der Zeit vom September 1952 bis August 1954 habe ich dort Industrieschneiderin gelernt. Zehn Jahre später (1964) wurde das Bekleidungswerk im Zusammenhang mit dem Aufbau des Chemiefaserwerkes Guben geschlossen. 1964 kam ich in die Lohnbuchhaltung des Chemiefaserwerkes und erlernte einen zweiten Beruf, Industriekauffrau.“
Auch Lothar Triebke hat das Motiv erkannt: „Das ist das ehemalige Werk IV von der Gubener Wolle, es war mein Lehrbetrieb. Ich habe dort 1966 bis 1969 gelernt und in allen vier Betriebsteilen als Betriebsschlosser gearbeitet.“
Reinhold Gölling verbindet mit diesem Motiv ebenfalls persönliche Erinnerungen: „In der Volltuchfabrik Lehmann & Richter habe ich am 1. April 1936 meine kaufmännische Lehre begonnen. Von sieben Uhr morgens bis zum Abend gegen 21 Uhr arbeitete ich am ersten Tag meiner Lehre.
Am 1. Mai gab es in der Fabrik immer schöne Maifeiern. Dazu wurde das Garnlager in der oberen Etage des Seitenflügels freigemacht. Die Gestaltung des Programms lag in den Händen der Betriebsangehörigen, die Musik, Tänze oder andere Unterhaltung boten. Ich habe die Veranstaltungen etwas gemanagt.
Nach drei Jahre Lehrzeit wurde ich übernommen und leitete dann den Exportversand.
Unsere Firma hat damals, Ende der 30er Jahre, immer am Betriebsstraßen-Staffellauf teilgenommen und sogar drei Mal den ersten Platz belegt. Das war ein großes Ereignis in Guben. Die Villa hinter der Fabrik wird heute durch den Plastinator Gunther von Hagens genutzt. Das schmiedeeiserne Tor Richtung Alte Poststraße trägt die Initialen ‘LR’ und ist eine Besichtigung wert.
Im Gebäude vor der Fabrik war das alte Zollamt, über das der Export abgewickelt wurde.
Unter Leitung von Albert Richter habe ich nach dem Krieg im kaufmännischen Bereich der Volltuchfabrik weitergearbeitet. Anschließend habe ich auf dem Gelände der ehemaligen Berlin-Gubener Hutfabrik (links im Bild) zehn Jahre das Bekleidungswerk Guben geleitet, bevor ich andere Aufgaben übernahm.“
Bärbel Koschack teilte uns mit: „Die Tuchfabrik von Lehmann und Richter gab es schon seit 1890. Otto Lehmann und Albert Richter Senior waren Erbauer und Teilhaber; noch heute heißt dieses Gelände bei älteren Gubenern ‘Lehmann und Richter’. Obwohl nach dem Tode von Otto Lehmann (1904) der Teilhaber Albert Richter Senior, einen neuen Teilhaber Arthur Engel einstellte blieb der alte Firmenname erhalten.
Der Betrieb gelangte zu Wohlstand und konnte 1924/25 den 40 Meter langen Anbau tätigen. Das Foto entstand also nach 1925 (mit Anbau).
Ich hörte schon als Kind diese Namen, denn mein Opa arbeitet viele Jahre in diesem Betrieb. Er wohnte in Schenkendorf, dem heutigen Sekovice (Polnen) und war in seiner Freizeit Landwirt.
Auf dem Foto erkennt man im Hintergrund das Flussbett der Neiße und die Villa von Richter & Engel (späterer Teilhaber von Richter Junior).
Rechts ist das ehemalige Hotel & Restaurant von Gustav Kurzan zu sehen. Die Inschrift ist noch an der Hauswand zu sehen. Später, in den 1930er Jahren, führte Leo Kirschner darin das Restaurant und Hotel Germania. Nach 1945 befand sich im Erdgeschoss die HO-Gaststätte ‘Bierquelle’ auch ‘Kugelbrücke’ genannt, wegen der Nähe zur Brücke mit den vier Betonkugeln über die Egelneiße. Heute steht das Gebäude leer, hier endet der Poetensteig, der entlang der Egelneiße führt. Links, in dem kleinen Haus mit dem Spitzdach, befand sich nach 1945 der Lebensmittelladen von Karl Pele, in dem ich als Kind zwischen 1950 und 1956 oft einkaufen war. Heute befindet sich dort ein Parkplatz.“
Wolfgang Teske ergänzt: „Die Firma Otto Lehmann bestand schon seit 1870 (laut Brandenburgischem Landesarchiv). Seit dem 1. April 1890 hieß sie Lehmann & Richter. Die Grundsteinlegung des Neubaus, Straßenfront Uferstraße, erfolgte am 17. März 1890.
In der Villa an der Neiße, Alte Poststraße 23, wohnten die beiden Eigentümerfamilien Engel und Richter. Therese Richter (geborene Engel) immigrierte 1943 nach Schweden. Elisabeth Kaplan (geborene Engel) wohnte mit ihrer Tochter Doris ebenfalls in der Alten Poststraße 23.“
Vielen Dank allen Lesern für Ihre ausführlichen Erinnerungen!