Cottbus: Herrschaftliche Häuser der Jahrstraße

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Die Jahrstraße (A) wurde für die Zufahrt zum Tieflager des ‘konsument’ um 1965 einfach ausgelöscht

Sie wurden achtlos zerstört, sind aber bei ihren Bewohnern nicht vergessen:
Die Lösung war diesmal nicht leicht aber sie hat, wie Renate Brinke aus der Hagenwerderstraße meint, „viel Spass“ gemacht. Sie hat nämlich einen Stadtplan von 1927 zu Rate gezogen: „Also ich denke, A) Jahr-straße ist richtig. Wieso? Wenn man Richtung Norden schaut, wäre bei der Wallstraße rechts die heutige Puschkinpromenade zu sehen, also kein Gebetshaus. Schaut man in der Roßstraße Richtung Norden, steht rechts der Weltspiegel. Einzig schlüssig erscheint mir also die Jahrstraße. Die ist gänzlich unter dem Kaufhausbau verschwunden. Und in dieser Straße hat die Synagoge gestanden. Also ein Gebetshaus. Am Ende der Straße, das flache Objekt, müsste dann das Gebäude sein in dem bis zur Wende das ‘Bebel’ war, heute die Agentur für Arbeit.“
Besonders erfreut war Gudrun Muth. Sie mailt: „Zu dem Bild muss ich mich unbedingt melden. Es ist die Jahrstraße 1 bis 4 zu sehen. Hier habe ich bis etwa 1965 gewohnt. In Hausnummer 1. An der Hauswand im Vordergrund (Nr. 4) war ein Bild vom Cottbuser Postkutscher mit seiner Postkutsche und dem Spruch. Auf dem leeren Platz stand die Synagoge. Sie wurde 1938 niedergebrannt.
Die Häuser waren wunderschön. Herrschaftlich mit Dienstboteneingängen und Wohnungen fürs Personal. In Nummer 1 wurde unsere Wohnung an zwei Familien vermietet. Es gab Stuckdecken, Wintergärten und herrliche Kachelöfen bis zur Decke mit Ofenbank. Da war auch ein Dienstbotenaufgang über den Hof mit einer Wendeltreppe. Ich wohnte mit meinen Eltern und vier Geschwistern im 2. Stock. In der hinteren Wohnung wohnte eine Familie mit drei Kindern. Das Bad gehörte zwar zu unserer Wohnung, aber die Badewanne wurde im Wechsel benutzt. Selbst im Keller befand sich eine Wohnung, in der der Hausmeister wohnte. Gegenüber der Jahrstraße ist die 7./12. Oberschule. Hier gingen wir in die Schule. In der Hausnummer 4 war einige Zeit die Ambulanz Mitte. Sie zog später in die heutige Stadtpromenade über die ‘Molle’. In der Ambulanz waren die Räume mit dunk-lem Holz getäfelt und hatten Parkett. Leider mussten diese tollen Häuser dem Bau des ‘konsument’ weichen. Wir zogen aus, und ich kann mich noch gut an die Sprengung der Häuser erinnern.“
Der Abriss dieser Straße „dürfte wohl völlig sinnlos gewesen sein“, glaubt Klaus Herold. Für den Bau des Kaufhauses und der Promenade war auch so genügend Platz. Er schreibt weiter: „Die historisch wertvolle Jahr-straße gehörte zur Luckauer Vorstadt. Benannt war sie nach Oberbürgermeister Leopold Jahr, der von 1850 bis 1880 im Amt war. Die Straße verfügte nur über fünf Grundstücke, die östlich zwischen der heutigen August-Bebel-Straße und der Karl-Liebknecht-Straße verliefen. Die Häuser entstanden um die Jahrhundertwende. Die Synagoge hat die Firma Pabel errichtet und 1902 übergeben.“
Isolde Hüsges aus der Rostocker Straße erzählt: „Im ersten Haus rechts war nach dem Krieg die Praxis von Dr. Saretz, wo mein Großvater Patient war. Bis 1950 haben wir ihn mit meiner Mutti oft dorthin begleitet. Daher meine so guten Erinnerungen an
diese Straße. An der Wand, wo das Fahrrad lehnt, war ein großes Wandbild mit dem Cottbuser Postkutscher und seinem Postkutschkasten-Spruch. Immer wieder zog es uns dahin, bis wir diesen Zungenbrecher ohne zu stottern konnten. Auf der linken Seite des Fotos befindet sich der Schulhof der damaligen Realschule, jetzt Paul-Werner-Schule. Wenn man die Straße zum Ende schaut, geht es nach rechts zum Durchgang zu den Warenhäusern. Etwa an der Stelle der
Synagoge entstand 1968 das ‘konsument’, seit 1996 Kaufhof. – Danke für dieses tolle Bild.“
Herbert Ramoth meint: „Ein Foto, das in mehrfacher Hinsicht Anlass zum Nachdenken gibt: Zum einen betrifft es den maßlosen Abriss in den 60-er Jahren in unserer Stadt; zum anderen auch die Vernichtung von Kulturgütern durch die Nazi-Diktatur. Die Folgen so verheerender Entwicklungen sollten uns mahnen, stets wachsam zu sein!“
Wir danken auch allen hier nicht zitierten Mitspielern herzlich. Gewonnen hat diesmal Frau Ingeborg Happatz aus Cottbus.
Herzlichen Glückwunsch!